Die Schuld an der Shoah

An die
Israelitische Kultusgemeinde Wien
z.H. Herrn Präsidenten
Oskar Deutsch
Seitenstettengasse 4
AT-1010 Wien

Wien, 11.November 2018 18:08

Sehr verehrter Herr Präsident Deutsch!

Mit großem Interesse und größter Sympathie habe ich Ihren Auftritt in der “Pressestunde” des Österreichischen Rundfunks am Sonntag verfolgt. Anschließend daran möchte ich Ihnen meine tiefempfunde Verbundenheit ausdrücken. Was können wir alle dazu beitragen, dass wir Menschen alle in Frieden miteinander leben können?

Wie Sie wissen, entstamme ich einer herausragenden nationalsozialistischen Familie. Meine Vorfahren haben Adolf Hitler an die Macht gebracht, auch wenn heute niemand mehr darüber reden will. Mein Großvater väterlicherseits war als Führer der SS-Ried im Innkreis entscheidend daran beteiligt, den “Anschluss” Österreichs an Deutschland zu vollziehen. Die Lederfabrik meiner Familie produzierte, von Adolf Hitler als “Deutscher Musterbetrieb” ausgezeichnet, in riesigem Ausmaß für die Deutsche Wehrmacht, die SA und SS.

Mein Großvater hatte mir bereits als Kindergartenkind bei jedem Besuch über den Nationalsozialismus erzählt. Ich erinnere mich dabei an nichts, einzig an das Gefühl der Geborgenheit. Er selbst war aber bereits im September 1938, also noch vor den Novemberpogromen, aus der SS wieder ausgetreten – und solidarisch mit ihm alle Mitglieder der Rieder SS. Der im Zuge dessen eilig als Führer der SS im ehemaligen Österreich installierte Rieder Rechtsanwalt Ernst Kaltenbrunner wurde später als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg hingerichtet.

Während also die Familienmitglieder meines Vaters begeisterte Nationalsozialisten waren, zeichnete sich die Familie meiner Mutter durch einen glühenden Antisemitismus aus. Meine beiden Eltern lernten sich daher auch im Umfeld der sogenannten “Glasenbacher” kennen, der ehemaligen prominenten Nationalsozialisten. Der Vater meines Onkels und Taufpaten hatte sich als Gynäkologe mit der Arbeit über “Unfruchtbarmachung im Zuge des Rassenkampfes” habilitiert.

Lieber Oskar Deutsch, wir alle haben unser Erbe zu (er)tragen. Und wir alle haben damit verantwortungsvoll umzugehen, verantwortungsvoll gegenüber allen anderen, insbesondere unseren Nachkommen. Ich selbst habe dies unter anderem dadurch versucht, dass ich nach meinem ersten Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen einen Dokumentarfilm über drei österreichische Widerstandskämpfer und KZ-Häftlinge produziert habe. Dieser “Herbstspaziergang” aus dem Jahr 1995 ist heute Bestandteil des Archivs des “Mauthausen Memorials”.

Mein Großvater väterlicherseits hat unseren “Herbstspaziergang” nicht mehr erlebt. Er starb kurz zuvor, bereits in hohem Alter, in seiner oberösterreichischen Heimat. Sein politisches Vermächtnis an mich waren insbesondere die Bücher von Winston Churchill und Albert Speer. Mein Großvater mütterlicherseits unterstützte bis zu seinem Tod die FPÖ unter Jörg Haider. Sein politisches Vermächtnis an mich war die Bibel.

Lieber Oskar Deutsch, was will ich Ihnen sagen? Vielleicht will ich Ihnen sagen, dass wir alle Brüder sind, Brüder und Schwestern, einfach Geschwister. Wir alle stammen von Adam ab, von Adam und Eva, vom “Menschen” und vom “Leben”. Die “Juden” sind unsere ältesten Geschwister, dann folgen die “Christen” und danach die “Moslems” als unsere jüngsten Geschwister. Daneben haben wir noch andere, insbesondere “Hindus”, “Buddhisten”, “Atheisten” und “Agnostiker”.

Wir alle sind Menschen. Nach der Anschauung der Religionen Abrahams, den Büchern der Juden, Christen und Moslems, sind wir alle Abbild desselben Schöpfers, von Jahwe, Gott, Allah. Wir alle sind Kinder der Schöpfung. Wir alle sind das Volk Gottes.

Unsere Bücher lehren uns, wie schwierig es ist, dies in Frieden zu leben. Mord und Totschlag stehen von Beginn an auf der Tagesordnung. Für manche sind die Christen Verräter am Judentum, für manche die Juden Verräter am Christentum und für manche Juden und Christen Verräter am Islam, der “Wahrheit”. Kain und Abel lassen grüßen.

Lieber Herr Präsident, sehr verehrter Herr Deutsch, wo fängt der Friede an? “Der Friede beginnt im eigenen Haus”, meint Karl Jaspers. Welches aber ist unser “Haus”? Ist es unsere Wohnung, unsere Stadt, unser Land, unser Kontinent oder unser Planet? Oder gar unsere Galaxie? Letztendlich das Weltenall? Wo fangen wir damit an? Wer beginnt mit dem Frieden?

Seit Franz Vranitzkys Kanzlerschaft ist die Mitschuld Österreichs an der geplanten Vernichtung des Judentums durch die Ermordung aller Juden, dem Holocaust, der Shoah, eine ausgesprochene Wahrheit. Das Großdeutsche Dritte Reich hat sie unter Heinrich Himmler exekutiert. Geboren wurde die Idee jedoch hier, durch den oberösterreichischen Innviertler Adolf Hitler in Wien. Der Holocaust ist eine österreichische Erfindung, die Shoah ein Kind unserer Stadt.

Vor ein paar Jahren habe ich dem Sohn Ihres hochverehrten Vorgängers Doktor Ariel Muzicant, dem Immobilienunternehmer Georg Muzicant erzählt, dass ich kurz zuvor auf dem Hohen Markt in der Wiener Innenstadt zwei orthodoxe Juden getroffen hatte. Als wir miteinander ins Gespräch kamen, da fragte ich sie: “Ich will mich für die Shoah entschuldigen. Bei wem?”

Als ich Georg dies erzählt hatte und hinzufügte, dass mir die beiden keine Antwort geben konnten, da schaute er mich an und sagte: “Na, bei mir brauchen Sie es auch nicht zu tun.”

Sehr verehrter Herr Präsident, lieber Oskar Deutsch. Es tut mir leid.

Alles Liebe Ihnen! Und von Herzen: Shalom!

Ich wünsche Ihnen einen freudvollen Tag der Republik!

Hochachtungsvoll

Peter Wurm

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