Männer und Frauen II

Als ich Ende der 1990er Jahre während meiner Zeit als Bildhauer zum Broterwerb in Wien am Wochenende Taxi fuhr, da stand ich Sonntag Früh meist auf dem Standplatz Urban-Loritz-Platz im 7.Bezirk. Dieser Standplatz war zu dieser Zeit ein Geheimtipp, da ihn unglaublich viele Gürtellokale als Stammplatz anriefen ließen. Und so führte ich der Reihe nach Prostituierte, ihre Kunden, Betrunkene und Alkoholleichen in die verschiedensten Winkel Wiens, um gleich wieder zurückzukehren, um diesen herrlichen Standplatz zu genießen. Er war am Ostende des Urban-Loritz-Platzes gleich in der Nähe der Stadthalle gelegen und nach Süden ausgerichtet. Und so genoss ich die Zeit zwischen 4 Uhr und 6 Uhr Morgens, als die Stadt wie ausgestorben vor mir lag und die Sonne langsam das Häusermeer von hinten zu erleuchten begann.

Einmal zu dieser Tageszeit wurde ich wieder in ein Gürtellokal gerufen. Ich nahm an und war zwei Minuten später dort. Ich wartete kurz, dann öffnete sich dir Lokaltüre und eine kleine zierliche Frau mit dunklen langen Haaren stieg bei mir ein. Sie setzte sich rechts hinter den Beifahrersitz und schloss die Wagentüre: “In den Achtzehnten. Schopenhauerstraße, bitte.” Ich blickte in den Rückblickspiegel: “Welche Route wollen Sie fahren?” Einen Moment hielt sie inne. Dann seufzte sie: “Das ist aber lieb, dass Sie fragen!”

Und in diesem einen Moment realisierte ich, dass ich der erste und einzige Mann an diesem zu Ende gehenden Tag gewesen war, der sie gefragt hatte, was sie wollte.

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