Mein geliebtes Amazonien

“Der Papst lässt die deutschen Reformer im Stich”, heißt ein Kommentar in der deutschen Wochenzeitung ‘Die Zeit’. Was war geschehen?

Im Oktober vergangenen Jahres fand im Vatikan die “Amazonien-Synode” statt. Dieser Kongress beschäftigte sich mit den drängenden Problemen der Kirche im Amazonasurwald, der neun südamerikanische Länder umfasst. Um das Abschlussdokument der Synode war heftig gerungen worden, weil es insbesondere auch die höchst brisanten Themen der Zerstörung der Umwelt, Ehelosigkeit der Priester und Gleichstellung der Frauen in der Kirche behandelte.

Noch spannender als die diesbezüglichen revolutionären Antworten der Synode war die Frage, wie denn der argentinische Papst Jorge-Mario Bergoglio damit umgehen würde. Würde Franziskus, der von sich selbst stets nur als “Bischof von Rom” spricht, die Heirat von Priestern und die Weihe von Frauen auf der ganzen Welt zulassen? Oder würde er dies ablehnen? Wie würde der Papst entscheiden?

Was also tat Franziskus? Er tat, was keiner von ihm erwartet hatte, weder die Gegner, noch die Befürworter der revolutionären Antworten der Synode. Er entschied sich zu einem viel größeren Schritt: “Ich habe die Wortmeldungen auf der Synode gehört und die Beiträge der Arbeitsgruppen mit Interesse gelesen. Mit diesem Apostolischen Schreiben möchte ich zum Ausdruck bringen, welche Resonanz dieser Weg des Dialogs und der Unterscheidung in mir hervorgerufen hat.” Und so entwirft der Papst eine soziale, kulturelle, ökologische und kirchliche Vision. Diese “Vision” nennt er im spanischen Original “sueño”, dies wird in der englischen Version mit “dream” übersetzt.

Der Papst beginnt also zu träumen. Gleichzeitig setzt er einen ganz realen Schritt: “Zugleich möchte ich das Schlussdokument offiziell vorstellen. Es bietet uns die Folgerungen der Synode, an der viele Menschen mitgearbeitet haben, die die Problematik Amazoniens besser kennen als ich und die Römische Kurie, da sie dort leben, mit ihm leiden und es leidenschaftlich lieben. Ich habe es daher vorgezogen, das Schlussdokument in diesem Apostolischen Schreiben nicht zu zitieren, weil ich vielmehr dazu einlade, es ganz zu lesen.”

Der Papst gleicht damit einem Lehrer, der seinen Schülern keinen Lehrstoff diktiert, sondern sie ermutigt, sich ihr Wissen selbst anzueignen. Er ist kein Führer, der seinen Untertanen befiehlt, sondern im besten Sinne des Evangeliums ein “Hirte”, der seine “Herde” ermächtigt, eigenständig zu denken und zu handeln. Er selbst wird keine Eheschließungen von Priestern vornehmen und keine Frauen weihen. Doch er tut dies nicht unter dem Dogma der “Unfehlbarkeit”, sondern als “Primus inter pares”, als “Erster unter Gleichen”, als “Bischof von Rom”. (Er unterfertigt dieses Apostolische Schreiben bezeichnenderweise am 02.02.2020 auch nicht im Vatikan, sondern in San Giovanni in Laterano, dem Bischofssitz des Papstes.) In Amazonien jedenfalls hat er es somit bereits ermöglicht, er hat das Schlussdokument nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern vielmehr noch offiziell präsentiert.

Das Schlusskapitel des “Liebesbriefes” von Papst Franziskus beginnt mit den Worten: “Nachdem ich einige Visionen geteilt habe, ermutige ich alle, auf konkreten Wegen weiterzugehen, die die Realität des Amazonasgebiets verwandeln und es von den Übeln, die es heimsuchen, befreien können.” Und es endet mit einem Gebet an Maria, die “Mutter des Lebens”:

“Herrsche du, auf dass sich keiner mehr als Herr des Werkes Gottes fühle. Auf dich vertrauen wir, Mutter des Lebens, verlass uns nicht
in dieser dunklen Stunde. Amen.”

“Die katholische Kirche, die weit mehr als die Teilkirche in Deutschland umfasst, ist offenbar immer noch nicht reif für große Veränderungen”, lautet der Schluß des Kommentars in der ‘Zeit’. Möglicherweise ist die Veränderung jedoch um Vieles größer, als es sich deutsche Reformer überhaupt vorstellen können.