die ignoranz europas

an frau
eva konzett
falter
marc aurel straße 9
at-1010 wien

wien, 04.07.2019

liebe eva konzett!

ich gestehe, ich habe ihren artikel „nasses wien“ in ausgabe 27/19 über den türkenschanzpark noch nicht gelesen. das beeindruckende foto von christian wind jedoch hat mich veranlasst, beim morgendlichen durchblättern des neuen „falter“ dabei innezuhalten. und so habe ich auch ihre bildunterschrift entdeckt: „wasser, das aufwärts fließt, entsteht nur durch menschenhand. so auch im türkenschanzpark.“

liebe eva konzett, ich kenne sie nicht. daher gilt mein tiefer seufzer der verzweiflung auch nicht ihnen persönlich. ich nehme ihren offensichtlich schönen artikel nur zum anlass, diesen seufzer der verzweiflung irgendwann einmal irgendwem gegenüber äußern zu können, und sei es in einem leserbrief an die beste wochenzeitung der welt:

mein tiefer seufzer der verzweiflung gilt der ahnungslosigkeit der aufgeklärten europäischen gesellschaft.

vor 30 jahren ging ich als 20jähriger student für 6 monate als entwicklungshelfer ins südamerikanische ecuador, genauer gesagt in die tropische küstenebene der provinz guayas am pazifik. was ich dort kennenlernte, war eine völlig neue welt, die mir als jungem wiener bildungsbürger davor vollkommen unbekannt war. diese welt hat ALLES, was ich bisher zu wissen glaubte, ZUR GÄNZE „vom kopf auf die füße gestellt“, wie es karl marx dereinst formulierte.

liebe eva konzett, wasser, das aufwärts fließt, entsteht NICHT nur durch menschenhand, der mount everest ist NICHT der höchste berg der welt, die vereinigten staaten sind NICHT „amerika“, der null-meridian läuft NICHT durch london-greenwich, der mond nimmt NICHT nach rechts hin ab und weihnachten wird NICHT zwangsläufig im winter gefeiert, wenn die sonnenwende des steinbocks auf der nordhalbkugel das zunehmende licht kurz zuvor angekündigt hat.

mag ihnen inzwischen bekannt sein, dass weihnachten auf der südhalbkugel im beginnenden sommer gefeiert wird, so werden sie in einem nächsten schritt vielleicht auch nachvollziehen können, dass aus demselben grund der mond auf die „andere“ seite abnimmt. sie mögen daher auch einsehen, dass aufgrund der tatsache, dass die erde keine „kugel“, sondern ein ellipsoid ist, der mount everest NICHT der höchste berg der welt ist, außer man misst ihn willkürlich vom nächstbesten meeresniveau aus. 

übrigens: welches ist das meeresniveau wiens? wer misst von wo aus was? wie „hoch“ ist der kahlenberg, von wo aus gemessen und warum ist er nicht der höchste berg wiens…? wien liegt übrigens auch nicht 16,37 grad östlich, außer man misst es ebenso willkürlich von irgendeinem observatorium im nordwesten europas aus. wien liegt dennoch in der östlichen hemisphäre. haben sie gewusst, dass es eine osthalbkugel überhaupt gibt?

und damit bin ich beim türkenschanzpark: wasser fließt aufwärts, auch ohne menschenhand. stellen sie sich in den tropen an irgendeinen beliebigen fluss und sie werden entdecken, dass er bei flut von der mündung an stromaufwärts fließt.

liebe eva konzett, die welt ist von einer solchen dimension, die wir uns als „aufgeklärte“ bildungsbürger der europäischen „zivilisation“ überhaupt nicht vorstellen können. sobald wir beginnen, die comfort-zone unseres winzig kleinen subkontinents, dieses lächerlich kleinen appendix asiens, einmal zu verlassen, dann gibt es kein zurück mehr. dann fließen wir selbst aufwärts, nur um zu bemerken, dass unsere umgebung dennoch steif und fest an ihrem gewohnten weltbild festhält. wenn uns dies auch immer wieder irritiert, so erschüttert es uns doch nicht mehr bis ins mark („was heißt hier ‚ein falschfahrer’…? hundert…!!!“)

liebe eva konzett, sie liegen falsch. ihr liegt falsch. euer weltbild ist falsch (egal, ob „links“ oder „rechts“). europa hat KEINE AHNUNG von der welt, da helfen weder erasmus-programme, studienaufenthalte in den vereinigten staaten, tätigkeiten als europäische auslandskorrespondenten oder interkontinentale auslandsurlaube. die welt ist definitiv anders, als wir sie uns in europa vorstellen. wasser fließt auch in der natur bergauf.

als ich damals in den südamerikanischen tropen arbeitete, da schickten mir meine freunde auch immer wieder post. das waren briefe aus papier und musikcassetten, quer über den atlantik, das dauerte wochen. das war die „echtzeit“ der analogen welt. es waren nachrichten aus wien, der vielleicht schönsten stadt des kosmos. darunter befanden sich auch immer wieder kopierte artikel einer damals noch völlig jungen wochenzeitung aus der wiener innenstadt namens „falter“, die ich dort in der fremde zu lesen begann…

liebe eva konzett, sobald wir das haus unserer eltern verlassen haben, dann gibt es kein zurück mehr. dann kommen wir nur noch zu besuch, selbst wenn das elternhaus „europa“ heisst. ich empfehle ihnen von herzen, dies irgendwann in ihrem leben einmal zu tun. gehen sie solange hinaus, bis der polarstern in der nacht hinter dem horizont untergegangen ist. und ab dann navigieren sie nach dem „kreuz des südens“. und was sie dort erleben werden, das werden sie für den rest ihres lebens nie mehr vergessen.

und wenn sie zurückkommen, dann werden sie so bereichert sein, dass sie erstaunt sein werden, wie unwissend man sein kann. und dann setzen sie sich bei sonnenuntergang zum beispiel in den türkenschanzpark, den möglicherweise schönsten park der welt. und wenn sie dann im gegenlicht das wasser der kleinen fontäne aufwärts fließen sehen, dann werden sie WISSEN, dass es gott gibt. und sie werden platons höhlengleichnis erkennen und die verzweiflung, die manchmal damit einhergeht. und sie werden schweigend im park sitzen und ab und an einen sinnlosen brief schreiben, und sei es ein leserbrief an die beste zeitung der welt. 

und sie werden die sonne hinter den bäumen untergehen sehen und in dankbarkeit den park verlassen, weil sie WISSEN, dass sie morgen im osten wieder aufgeht. und sie werden der glücklichste mensch sein, den sie sich vorstellen können.

doch eines sei ihnen gesagt: in jener welt gilt auch kein geld. „geld“ funktioniert ausschließlich im norden, im grunde nur im nordwesten (daher ist venezuela so bedeutend und australien von europäern regiert – und alles vom nordwesten der welt beherrscht). aber ein abo des „falter“ geht sich immer noch aus. „der mensch lebt nicht vom brot allein.“

und jetzt schlägt die erde zurück. egal, wie wir es nennen, ob „klimawandel“ oder „erderwärmung“, wir hätten es gewusst haben können. ab jetzt fließt das wasser bergauf. bis es uns zum hals steht, bis an die spitze des mount everest. europa wird untergehen. und mit ihr die welt. aber fürchtet euch nicht! ich hol‘ euch da raus…!

in 2000 jahren bin ich wieder da.

in tiefer dankbarkeit

peter wurm

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