Abschied für immer

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, ich hasse Abschiede. Mein erster Abschied war fürchterlich. Ich erinnere mich genau, als mich meine Mutter zum ersten mal in den Kindergarten brachte. Es war mein erster Kindergartentag, der erste Abschied von daheim. Meine Mutter führte mich mit ihrem Auto vor die Türe, ging mit mir gemeinsam über die Gasse und durch den Garten bis hin zum kleinen Haus, in dem sich der Kindergarten befand. Auf diesem kurzen Weg umklammerte ich ihre Hand, hielt sie von Sekunde zu Sekunde fester und wollte sie niemals wieder loslassen. Die Zeit auf diesem grausamen Weg erschien mir wie eine Ewigkeit. An den Abschied selbst erinnere ich mich nicht.

Alle Abschiede seither waren um nichts besser, ich habe mich nie daran gewöhnt. Abschiede waren jedesmal ein Ende des Gewohnten und der Beginn von etwas Neuem, vor dem ich mich stets fürchtete. Ich hatte immer Angst davor, möglicherweise wie eine Kuh vor der Schlachtbank. Ich wusste niemals, was mir nach einem solchen Abschied bevorstand und fürchtete mich jedesmal bis ins Mark. Insofern waren Abschiede für mich immer fürchterlich.

Als mein Großvater starb, war ich bereits erwachsen und hatte schon unzählig viele Abschiede erlebt. Doch der Tod meines Großvaters war der erste Abschied für immer. Es war in einer dunklen Winternacht, als ich ihn zum letzten mal besuchte. Ich kam kurz vor Mitternacht nach Hause und ging noch ein letztes mal zu ihm in meine Nachbarwohnung im selben Stockwerk. Sein Pfleger öffnete die Türe und ich setzte mich gemeinsam mit ihm an das Bett, in dem mein Großvater lag und leise vor sich hin röchelte. Ich hielt lange seine Hand und streichelte sie sanft. Draußen schneite es.

Am nächsten Morgen wurde ich durch den Anruf meiner Mutter geweckt: „Opa ist heute Nacht gestorben.“ Ich zog mich an und ging wieder hinüber in seine Wohnung. Auch diesmal öffnete der Pfleger die Türe, begrüßte mich schweigend und ich ging ins kleine Schlafzimmer, diesmal alleine. Dort setzte ich mich vor das Bett, in dem mein Großvater lag. Ich blieb mehr als eine Stunde lang alleine bei ihm. Und ich fragte mich: „Vor ein paar Stunden war ich da und er hat noch gelebt. Jetzt sitze ich hier und er ist tot. Wo ist der Unterschied?“

Als ich wieder zurück zu mir in die Wohnung ging, wartete Angelika auf mich, meine damalige Freundin und spätere Frau. Ich kuschelte mich an sie und sagte zu ihr: „Du bist viel wärmer als der Opa.“ Draußen schneite es noch immer.

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, seit damals habe ich keine Angst vor Abschieden mehr. Wir kommen auf diese Welt und verlassen sie wieder. Und wenn wir Glück haben, dann tun wir dies in Frieden, in Frieden mit uns selbst und der Welt. So wie mein Opa. Manche nennen es Gott. Wir kommen und gehen. Und alles ist gut.

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