die bildung und die mathematik

melisa erkurt
falter
marc-aurel-straße 9
at-1010 wien

wien, 27.06.2019

sehr geehrte frau erkurt!  

in ihrem dieswöchigen artikel „das ist kein mathebashing“ erzählen sie im falter von ihrer problematischen erfahrung mit der mathematik. welcome to the club! ihre sicht auf die mathematik halte ich für symptomatisch für unser bildungssystem insgesamt, hier in österreich und in europa.

sie fassen die sonderstellung des faches mathematik in zwei sätzen zusammen: „auch das ist teil des problems: mathe wird mit genies gleichgesetzt.“ genau das offenbart das doppelte problem, das an diesem beispiel sichtbar wird: wir haben allesamt keine vorstellung davon, was „mathematik“ bedeutet und wissen darüberhinaus überhaupt nicht zu definieren, was ein „genie“ sein soll.

lassen sie mich mit letzterem beginnen: wir glauben gemeinhin, bei einem „genie“ handle es sich um einen besonders „intelligenten“ menschen, wie sie es treffend bezeichnen. „intelligente“ menschen sind jene, die vor allem denklogische vorgänge rascher formulieren können als andere.

dieses kriterium trifft nachweisbar vor allem für jene erdenbürger zu, die im nordwesten unserer welt geboren sind, darüberhinaus männlich und mit heller hautfarbe ausgestattet. weiße männer sind tendenziell „intelligenter“ als andere menschen auf der welt. das mag man gutheißen oder nicht, es zu leugnen wäre dumm. („wanna change reality? accept it first.“) und weil das so ist, haben diese weißen männer des nordwestens mechanismen entworfen, um ihren diesbezüglichen vorteil auszubauen. dazu gehört zum beispiel, „intelligenz“ als etwas herausragendes hinzustellen, als etwas „geniales“, wie sie schreiben.

kein mensch kam bisher auf die idee, das sorgfältige putzen einer küche oder das liebevolle baden eines kleinkinds als „intelligent“ zu bezeichnen. statt dessen wurden schier unendlich viele standardisierte „tests“ entworfen, um das formalisierte logische denken abzufragen und als „intelligent“ zu definieren. us-amerikanische präsidenten beispielsweise legen allesamt solche „intelligenztests“ ab, in denen sie regelmäßig spitzenwerte erzielen, bis hin zu donald trump. ob diese menschen in der lage sind, ihre küche sorgfältig zu putzen oder ihre babies liebevoll zu baden, wird nicht abgefragt. folgerichtig sind diese mächtigsten menschen unserer erde bisher auch fast ausschließlich weiße männer des nordwestens unseres planeten. die politik folgt daraus…

die „intelligenten“ weißen männer des nordwestens haben es auch geschafft, ihre macht durch ein globales belohnungssystem auszubauen, das fast ausschließlich die „mathematische genialität“ bevorzugt. wer die kurzfristige rendite eines derivats auf wertpapiere berechnen kann, der verdient um ein paar zehnerpotenzen mehr als derjenige, der seine küche sorgfältig putzen kann. einfach gesagt verdient die dunkelhäutige putzfrau eines hellhäutigen hedgefonds-managers in ihrem gesamten leben weniger als ihr chef an einem erfolgreichen tag. das ist das problem unseres „intelligenten“ systems.

wo ist die lösung? der beginn der lösung liegt darin, dass menschen wie sie beginnen, solche artikel zu schreiben. die weiterführung der lösung liegt darin, dass unsere töchter „die mathematik“ begreifen:

was ist „mathematik“? gemeinhin wird mathematik als „die wissenschaft von den zahlen“ verstanden. das mag sein, greift jedoch zu kurz, weil es vordergründig bleibt. was sind denn zahlen? jede zahl hat ja nur sinn, wenn man sie in beziehung mit einer anderen zahl setzt. was heißt beispielsweise „fünf“?

„fünf euro“ beispielsweise kann viel sein. fünf euro für einen liter benzin ist wahrscheinlich sehr teuer, wenn man den treibstoff in österreich bereits für weniger als zwei euro erhält. fünf euro für ein menü in einem luxusrestaurant dagegen ist wahrscheinlich sehr billig, wenn man weiß, dass alleine ein schnitzel in wien meist mehr als acht oder neun euro kostet.

„fünf“ uhr andererseits kann sehr früh sein, verglichen mit dem normalen arbeitsbeginn zwischen sieben und neun uhr. „fünf“ uhr nachmittags dagegen ist vergleichsweise eher spät am tag. und „fünf“ in einem österreichischen schulzeignis ist überhaupt „nicht genügend“.

JEDE zahl hat also nur einen SINN, wenn man sie in einen zusammenhang setzt, erstens mit einer EINHEIT und zweitens mit einer ANDEREN ZAHL. jede zahl hat daher nur eine bedeutung in bezug auf eine andere zahl. mathematik ist daher nicht wirklich die wissenschaft von zahlen, sondern vielmehr folgendes:

mathematik ist die wissenschaft von den beziehungen.

und da beginnt es endlich, interessant zu werden: mathematik ist die wissenschaft von den beziehungen. und wenn wir das einmal begriffen haben, dann ist die lösung bereits zum greifen nahe. dann beginnt die beziehung des hellhäutigen hedgefonds-managers zu seiner dunkelhäutigen putzfrau endlich „intelligent“ zu werden. dann können beide endlich IN BEZIEHUNG gesetzt werden.

„das, was messbar ist, messen. und das, was nicht messbar ist, messbar machen“, hat galileo galilei einst gefordert. die römisch-katholische kirche hat ihn für dieses weltbild mit lebenslangem hausarrest bestraft. und in der tat kann dieses denken teuflisch werden, wenn alles in „geld“ messbar wird. heutzutage beginnen wir bereits, das grausame ende dieser entwicklung zu erkennen. ganz wenige besitzen fast alles, fast alle besitzen ganz wenig. wo wird das hinführen? wo wollen wir, dass es hinführt?

ich selbst habe das glück, jener mächtigen gruppe von weißen männern des nordwestens anzugehören, die gemeinhin als sehr „intelligent“ gilt. ich genieße alle vorteile, die gott einem menschen heutzutage mitgeben konnte. das ist meist ein segen, kann aber auch ein fluch sein, abhängig davon, wie wir damit umgehen. wie will ich damit umgehen?

ich wünsche mir, dass unsere töchter dieselben chancen haben wie unsere söhne – und das außerdem unabhängig von ihrer hautfarbe. und daher empfehle ich ihnen, die grundlagen der mathematik zu begreifen, die die macht in unserem globalisierten wirtschaftssystem begründet: die grundrechnungsarten und das prozentrechnen.

vergessen sie den rest! vergessen sie wahrscheinlichkeiten, vergessen sie geometrische berechnungen, vergessen sie differential und integral. einfaches prozentrechnen genügt, um in unserem geldsystem belohnt zu werden: um wieviel verdient mein chef mehr als ich? um wieviel ist deutschland größer als österreich? um wieviel ist die arbeitslosigkeit gestiegen oder gesunken? wieviel ist das alles in prozent?

das geldsystem besteht aus nichts anderem als RENDITEN. renditen sind einfach nur gewinne in prozent. das ist DIE EINZIGE BEZIEHUNG, die in unserer wirtschaft derzeit zählt. erklären sie das ihren töchtern und nichten, im idealfall anschaulich im sinne von maria montessori. und erzählen sie es ihnen…

„ich kann nicht glauben, dass mathematikgenies dieses landes dieses problem nicht lösen können“, schreiben sie zum abschluss ihres artikels. ich versuche mein möglichstes… 😉

ich danke ihnen für ihre inspiration. und jetzt höre ich tracy chapman. eine dunkelhäutige frau…

alles liebe

peter wurm

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