der beste vizekanzler aller zeiten

herrn vizekanzler
univ.prof.dr. clemens jabloner
museumsstraße 7
at-1070 wien

wien, 18.06.2019

sehr verehrter herr vizekanzler!

mit großer freude denke ich an einen späten samstagabend vor knapp 30 jahren zurück, als ich einmal gemeinsam mit freunden auf dem heimweg vom “bermudadreieck” in der wiener innenstadt in der jordangasse vorbeikam. dort, an der ecke des judenplatzes, befanden sich anno dazumals zwei unserer höchstgerichte, nämlich der verfassungsgerichtshof und der verwaltungsgerichtshof.

auf diesem weg bemerkten wir in jener nacht, dass sich beim linken haupteingang der beiden gerichtshöfe zwei schilder befanden, das schild “verfassungsgerichtshof” und das schild “verwaltungsgerichtshof”, beide in würdigem rot-weiß-rot umrahmt. doch zu unserem großen erstaunen war das schild des VwGH über dem schild des VfGH angebracht.

nun waren wir allesamt studenten, ich persönlich studierte damals betriebswirtschaftslehre und volkswirtschaftslehre an der wirtschaftsuniversität wien. und im zuge meines studiums lernte ich selbstverständlich neben bürgerlichem und handelsrecht auch öffentliches recht. und so erfuhren wir als studenten auch vom sogenannten “stufenbau der rechtsordnung” in unserem staat, der unter anderem auch den instanzenweg und die höchstgerichte begründet.

nachdem dieser samstagabend schon weit in die nacht fortgeschritten war (ihr vorgänger hätte es “a b’soffene g’schicht” genannt…), nahm ich stift und ein kleines papier und schrieb in einer kurzen nachricht, wie es denn sein könne, dass sich der verwaltungsgerichtshof ÜBER dem verfassungsgerichtshof befände. und wie denn das mit dem stufenbau der rechtsordnung vereinbar wäre…

dieses beschriftete kleine papier (ich glaube, es war meine visitenkarte) steckte ich an das zu dieser uhrzeit selbstverständlich verschlossene große eingangstor. danach zogen wir weiter von dannen.

es muss am übernächsten werktag gewesen sein, als ich bei mir zu hause in der post ein außergewöhnlich vornehmes schreiben vorfand. es war ein schreiben des österreichischen verwaltungsgerichtshofs, unterzeichnet vom präsidenten des höchstgerichts persönlich. und in diesem sehr vornehmen schreiben erläuterte er, dass die position der schilder mehr pragmatische als juristische gründe hätte. und er begründete es damit, dass es sich dabei nicht prinzipiell um den stufenbau der österreichischen rechtsordnung handelte, sondern um den nebeneingang des VfGH. 

das beruhigte mich.

und es beruhigt mich bis heute. denn, sehr verehrter herr vizekanzler, der damalige präsident des VwGH, der mir diesen brief schrieb, waren nämlich sie. und ich bin bis heute glücklich darüber, einen solchen präsidenten eines höchstgerichts gehabt zu haben. und ich bin gerade heute dankbar dafür, sie als vizekanzler unserer “übergangsregierung” (welch wundervolle tautologie…) im amt zu wissen.

in hochachtung und dankbarkeit

… und heiterkeit

in republikanischer verbundenheit

ihr

peter wurm

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