Europa. Eine Liebeserklärung.

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenlosen Abendhimmel. In seiner Heimat standen Wahlen vor der Türe, Wahlen zum Europäischen Parlament. Alle politischen Beobachter waren sich einig, dass es sich dabei um “Schicksalswahlen” handeln würde, um eine grundsätzliche Entscheidung über die Zukunft seines kleinen Kontinents.

Zeit seines Lebens wurde “Europa” vernünftig begründet, aus dem Kopf heraus. “Europa” war eine Frage der Politik, weit weg vom persönlichen Alltag. Für ihn aber war “Europa” keine vernünftige Frage, für ihn war Europa viel mehr. Europa war für ihn eine Frage des Herzens. Europa war sein Kontinent, seine Heimat und seine Liebe.

Slupetzky hatte Europa als seine Heimat erfahren, er kannte seine Länder, seine Städte, seine Berge und seine Täler. Er hatte lange in Deutschland gearbeitet, dem größten Land nach der Bevölkerung, und in Frankreich, dem größten Land der Fläche nach. Er war immer wieder im Norden gewesen, in Skandinavien, und lange im Süden, dem Mittelmeerraum. Er hatte unzählige Nächte in den größten Städten verbracht, in London, Paris, Berlin, Madrid und Kiew. Er kannte die Küste des Atlantik im Westen und die Grenze zu Russland im Osten. Er war am Nordseeufer gestanden und an beiden Seiten des Bosporus. Er kannte die weiten Wälder Lapplands im Nordosten und die kleinen Inseln der Kanaren im Südwesten. Er kannte die verschiedensten Biere des Nordens und die unterschiedlichsten Weine des Südens. Er kannte alle möglichen Sorten von Brot und die vielen Geschmäcker des Wassers. Er liebte seine Früchte, sein Gemüse, seine Pflanzen und seine Tiere. Er bewunderte seine Geschichte, seine Denkmäler, seine Kunst und seine Kultur. Er hatte die Finsternis von Auschwitz erfahren und die unendliche Ewigkeit von Jerusalem und Rom.

Und er war außerhalb Europas gewesen. Er kannte die brennheißen Wüsten Afrikas, die tropischen Regenwälder am Äquator und die Eiseskälte in der Nähe der Pole. Er hatte den Polarstern im Norden erlebt und das Kreuz des Südens über dem Südpol. Er hatte die Sonnenaufgänge Ostasiens gesehen und die Sonnenuntergänge an der Westküste Amerikas.

Nun saß er da, im Zentrum seines Kontinents, hier in der Mitte der Welt, in der schönsten Stadt dieses kleinen Planeten. Im Westen war die Sonne schon untergegangen und im Osten ging der Mond gerade auf. Es war seine Stadt, sein Land und sein Kontinent. Und es waren seine Menschen. Das war Europa. Es war seine Heimat und es war seine Liebe – und das würde es auch immer bleiben.

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