Aschermittwoch in Ried

slupetzky saß an seiner alten schreibmaschine und blickte durch sein dachfenster in den sternenklaren nachthimmel. am vortag war er in ried gewesen, in ried im innkreis, der hauptstadt des innviertels, der stadt seiner väter. diese kleine stadt in der grenzregion im nordwesten seines landes war die brutstätte des weltweiten nationalsozialismus gewesen.

seine freundin, die buchstabenfrau, hatte ihn nach seiner rückkehr gebeten, über seinen besuch in ried etwas zu schreiben, möglichst konkret, an fakten orientiert. doch wie sollte er dies tun?

das, was sein leben von dem aller anderen menschen unterschied, war die unzumutbarkeit der grundsatzentscheidung. er dachte an den vergangenen präsidentschaftswahlkampf im süden nordamerikas, der in der jüngeren vergangenheit “die vereinigten staaten von amerika” genannt wurde. beim letzten wahlkampf in jenen “vereinigten staaten” spitzte sich die entscheidung wie üblich auf zwei kandidaten zu, diesmal auf einen mann und eine frau. der mann stand für die wut im bauch, die frau für den kühlen kopf. das herz fehlte beiden.

die entscheidung des wahlvolks der “vereinigten staaten” fiel denkbar knapp aus. die eiskalte vernunft unterlag dem brühwarmen instinkt. ein kritischer beobachter hatte diese wahl als “entscheidung zwischen hitler und mussolini” bezeichnet.

war diese wahl somit die extreme zuspitzung einer herzlosen entscheidung, so war sie – in all ihrer radikalität – doch zumutbar. jeder normale mensch auf der welt würde sich in jenem fall wohl für benito mussolini entscheiden – und damit gegen adolf hitler. so unangenehm diese entscheidung auch war, so war sie doch eindeutig zu fällen, wie auch immer diese entscheidung dann konkret aussah.

slupetzky wurde traurig. sein leben unterschied sich von dem aller anderen menschen in der grundsätzlichen fragestellung. während sich alle normalen menschen auf seinem kleinen planeten letztendlich die frage nach dem “kleineren übel” zu stellen hatten, so war die entscheidungsfrage seines lebens eine andere, eine prinzipiell andere. die entscheidende frage seines lebens lautete: “adolf hitler oder heinrich himmler?”

die antwort auf diese frage fiel ihm von herzen leicht. doch die konsequenz daraus war unerträglich. was immer er auch tat, es war dem ergebnis aller normalen menschen in dieser welt entgegengesetzt – und dies aus derselben herzensgüte heraus. letztendlich widersprach sein gesamtes leben dem ergebnis aller anderen – nur aufgrund der anderen voraussetzung. das war die unzumutbarkeit seines lebens.

slupetzky seufzte. an diesem aschermittwoch in der rieder jahnturnhalle hatte er stellung bezogen. an diesem aschermittwoch in der stadt seiner väter hatten sie seine welt verteidigt. die luft war draussen, der ball ging nicht ins tor, die eiterbeule war geplatzt. die erde kam taumelnd vom abgrund zurück. mit vereinten kräften hatten sie die welt mit sich selbst versöhnt. das waren die fakten, von denen die buchstabenfrau sprach. wie sie dies gemacht hatten, würde wohl immer ein geheimnis bleiben. doch würde irgendwann irgendjemand irgendetwas davon begreifen können?

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für hans marsalek und sophie scholl

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