Nein, Herr Broder!

Herrn
Henryk M. Broder
Die Achse des Guten
blog@achgut.com

Wien, 15.02.2017

Lieber Henryk M. Broder!

Beginnen wir diesen Text mit einem Lob: Seit Jahren schon lese ich Ihre Texte mit großem Interesse. Ich bin beeindruckt von Ihrer Schlagfertigkeit und Ihrem Witz. Am meisten gelacht habe ich übrigens über Ihre Idee, als wandelndes „Holocaust-Mahnmal“ in Berlin herumzulaufen, am dankbarsten war ich Ihnen für Ihre Reise durch Deutschland mit Hamad Abel Samad. Ich habe durch Sie viel gelernt.

In letzter Zeit erscheinen Sie vermehrt auf meinen Bildschirmen. Das hat wohl damit zu tun, dass Sie sich als „kritischer Geist“ in der Migrationsdebatte profiliert haben, als „Advocatus Diaboli“ im wahrsten Sinne des Wortes. Bei meiner diesbezüglichen Recherche habe ich entdeckt, dass Sie bereits im August 2015 auf die Gefahren der Migrationswelle hingewiesen haben. Dafür haben Sie meinen allerhöchsten Respekt. „Wer nur Mitleid hat, der hat keinen Verstand“, haben Sie damals geschrieben.

Sie saßen an diesem entscheidenden Beginn der „Flüchtlingswelle“ in den Redaktionsräumen der „Welt“ und in den Fernsehstudios. Ich stand auf der anderen Seite. Ich war einer jeder Menschen, die danach als „Willkommensklatscher“ bezeichnet wurden. Am Abend des 13. September 2015, jenes Tages, an dem sich Deutschland entschloss, die Grenzen zu Österreich zu schließen, um den „Flüchtlingsstrom“ wieder abzuwürgen, stand ich am Wiener Westbahnhof. Dieser „Wiener Westbahnhof“ war die erste Ankunftstation der Flüchtlinge im Westen Europas und wurde so in jenen Tagen das Symbol für die sogenannte „Willkommenskultur“.

In jener Nacht hatte ich die Absicht gehabt, eine Flüchtlingsfamilie in meiner Wiener Wohnung aufzunehmen. Als ich dann am Bahnhof stand, sah ich die unglaubliche Menge an Menschen, wie sie in der Dunkelheit des späten Abends ganz ruhig an mir vorüberzog. Ich stand lange Zeit da und versuchte zu begreifen, was da gerade geschah. Die Menschen kamen in unüberschaubaren Mengen an und wurden von einer Unzahl von Helfern in die hastig vorbereiteten Notfallquartiere gebracht (das größte davon war ein Teil der Wiener Stadthalle, der größten Veranstaltungshalle Wiens).

„Wer nur Mitleid hat, der hat keinen Verstand“, haben Sie damals in der „Welt“ geschrieben. Aber auch „Wer kein Mitleid hat, der hat kein Herz.“ Sie saßen an jenem Abend wahrscheinlich in Hamburg, möglicherweise in Berlin, jedenfalls knapp tausend Kilometer weit weg von diesem Geschehen. Möglicherweise hatten Sie an jenem Abend den grösseren Überblick. Möglicherweise hatten Sie in diesem Moment den grösseren Verstand. Ich dagegen stand da, mitten in Wien, mitten in diesen stillen, dunklen Menschenmengen, und versuchte zu begreifen, was da gerade geschah.

Ich habe viel geschrieben in dieser Zeit, fast alles davon ist auf meinem Blog nachzulesen, Tag für Tag. Worüber ich bisher nicht geschrieben habe, ist über jenen Moment, in dem ich mir mein Scheitern eingestehen musste:

Eine gute Stunde lang hatte ich an jenem späten Abend versucht, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich sah die Menschen, wie sie in den Zügen, in Bussen und zu Fuß ankamen, sah, wie sie aufgenommen und versorgt wurden, und sah, wie sie in Bussen und zu Fuß weiter in die Quartiere gebracht wurden. Es waren Familien, Männer, Frauen und Kinder. Irgendwann in dieser Zeit entdeckte ich unter den vielen Leuten jene vier Menschen, die mir als die ärmsten unter allen vorkamen: Eine junge Frau, vielleicht knapp dreißig Jahre alt, mit ihren drei Kindern. Das kleinste Kind trug sie auf ihrem Arm, die beiden anderen klammerten sich an ihren Rocksaum. Die Frau war offensichtlich Araberin und trug ein Kopftuch, die Kinder waren schlicht, aber nicht nachlässig gekleidet. Neben ihnen standen zwei Säcke ihres Gepäcks. Nach einiger Zeit des Zögerns ging ich langsam zu ihr hin und fragte sie: „Can I help you?“ Sie schaute mich mit ängstlichen Augen an und schüttelte schnell den Kopf.

Als ich zu Beginn jener Nacht davon gehört hatte, dass die Flüchtlinge von Budapest aus in Wien ankommen würden, da hatte ich mich spontan auf den Weg gemacht. Meine Absicht in jener Nacht war es gewesen, eine Flüchtlingsfamilie bei mir zu Hause aufzunehmen. Am Ende der Nacht ging ich alleine wieder nach Hause zurück.

Selbstverständlich hatte ich mit dieser Frau noch ein wenig länger geredet und selbstverständlich hatte ich sie mit den Kindern gemeinsam mit einem anderen Helfer noch zu einem Bus begleitet. Und selbstverständlich war ich in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder am Westbahnhof, um bei der Versorgung der Flüchtlinge mitzuhelfen. Aber dennoch bin ich mit meinem Ansinnen gescheitert.

Lieber Henryk Broder, ich war in meinem Leben schon oft und lange in der Fremde; möglicherweise nicht so oft und so lange wie Sie, aber dennoch ausreichend, um mir mein eigenes Bild von der Welt machen zu können (und ich hoffe, dass dieses Weltbild fundiert genug ist, um die Werte der Aufklärung und des Humanismus in aller Entschiedenheit verteidigen zu können). Aber in jener Nacht des 13. September 2015 erlebte ich – in meiner eigenen Heimat – in diesem Augenblick meinen ureigenen „Clash of Civilisations“.

Warum schreibe ich Ihnen das? Ich schreibe Ihnen das, weil ich Ihren Ansatz für grundsätzlich falsch halte. Ihre Beiträge zur Diskussion in Deutschland und Österreich mögen geistreich sein, witzig auch, wohlformuliert und argumentativ fundiert ohnehin. Dennoch halte ich Ihren Ansatz für zynisch und feig.

Jahrelang verfolge ich nun schon Ihre Arbeit und stundenlang habe ich mich in der letzten Zeit in Ihre öffentlichen Auftritte vertieft. „Wir leisten uns was: Eine eigene Meinung“, ist der Slogan Ihrer website „Achgut“. Was aber ist Ihre Meinung? „Dann waren die Politiker wieder jahrelang mit einer Idee beschäftigt, die nichts taugt. Also, eigentlich business as usual. Weil das können sie am besten.“ ist der Schlussatz Ihres letzten Beitrags.

Lieber Henryk Broder, nun sitze ich – genauso wie Sie, wenn Sie schreiben – vor meiner Tastatur und werde immer desperater. Ich hätte Ihnen noch gerne geschrieben, warum ich es für perfid halte, vor der AfD-Parlamentsfraktion über die Grünen und das Judentum zu spotten, warum ich es für perfid halte, die „Willkommenspolitik“ des Jahres 2015 passiv im zweiten Konjunktiv zu kritisieren („man hätte nicht…“) und warum ich es für perfid halte, sich danach bei der Frage nach Lösungen immer wieder darauf zu berufen, eben kein verantwortlicher Politiker zu sein.

Es muss grausam sein in der Hölle.

Alles Liebe

Peter Wurm

P.S.: Danke, dass ich Ihnen mein Scheitern des 13. September 2015 hier erzählen konnte. Ich bin gescheitert. Wir sind gescheitert. Scheitert Europa? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir es mit Ihrem Ansatz nicht schaffen werden. Niemand von uns. Und das tut mir leid. Für Sie – und für uns alle.

P.P.S.: Jetzt habe ich es doch nicht lassen können, mich weiter mit Ihnen zu beschäftigen. Ich kenne nun Ihren Hund, Ihre Meinung zur EU aus dem Jahr 2014 und weitere Albernheiten. Und gerade eben bin ich auf den entscheidenden Punkt gekommen, der mich von Ihnen trennt: Ihren Vortrag vor der Hayek-Gesellschaft in Bonn:

Nach einem Grußwort des Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Gesellschaft – den ich auf youtube recht schnell überspringen konnte – höre ich nun Ihren Vortrag über „Intoleranz“. Und dann kommt der entscheidende Moment: Noch vor Beginn des Vortrags erscheint ein Mann vor dem Podium und flüstert Ihnen etwas zu (Minute 17:53). Sie sind gerade in einer Abhandlung über den Wahn der Political Correctness, Formulierungen aus der Vergangenheit im Nachhinein korrigieren zu wollen, wie in Ihrem Beispiel das Wort „Zigeuner“.

Nun tritt ein Mann in hellem Anzug vor das Podium und flüstert Ihnen etwas zu. Gerade eben waren Sie die Pointe losgeworden, Sie hätten den Vorsatz gehabt, länger als Journalist beim „Spiegel“ zu bleiben „als der Führer Reichskanzler war“. Als nun dieser Mann auf Sie zukommt und Ihnen etwas zuflüstert, reagieren Sie kurz überrascht, dann für ein paar Sekunden verwirrt, um dann wieder in normaler Lautstärke ins Mikrophon zu sprechen: „Helmut Kohl ist gerade verschieden.“ Und im nächsten Moment setzen Sie fort: „Ich glaube, es ist keine Zeit für Pointen, aber ich habe mich so auf diesen Vortrag gefreut. Darf ich weitermachen?“ Und ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, setzen Sie mit Ihrem Vortrag fort.

Lieber Henryk Broder, es tut mir leid. Alexander Mitscherlich nennt es „Die Unfähigkeit zu trauern.“ Ihr Leben mag die Hölle gewesen sein und vielleicht ist es das bis heute. Sie mögen mir dabei widersprechen, aber ich halte Ihr Verhalten für zutiefst würdelos. Das ist es, was mich an allen Ihren Beiträgen stört. Es wurde sichtbar in diesem einen Moment. Es ist die Würdelosigkeit, das In-Geiselhaft-Nehmen des Publikums für den eigenen seelenlosen Witz.

Der National-Sozialismus war das größte Verbrechen der Menschheit. Er hat aus liebenden Menschen seelenlose Nummern gemacht. Lieber Henryk Broder, Sie sind keine Nummer. Das Grundgesetz schützt Sie, zur Verzweiflung Ihrer Gegner, auch vor sich selbst: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Auch wenn Sie sich Mühe geben, möglicherweise bis zum finalen Exzess. Ihr Verhalten mag unwürdig sein. Sie selbst sind es nicht.

„Ja, Herr Broder. Sie dürfen weitermachen.“ Der jüdische Pausenclown ist tot. Sie leben. Gott sei Dank.

Alles Liebe

Peter Wurm

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