der verlust meiner kinder

wissen sie, anton pawlowitsch, in wahrheit war mein leben bis jetzt ein albtraum, wie eine rolle im falschen film. es waren tausende kleinigkeiten, die dieses gefühl bestimmten. von einer dieser kleinigkeiten möchte ich ihnen heute erzählen.

diese geschichte ist lange her, inzwischen beinahe zwanzig jahre. doch ich erinnere mich daran, als wäre es heute. andererseits liegt das ganze dadurch auch lange genug zurück, um es überhaupt aussprechen zu können. es war der moment, an dem ich meine kinder verlor.

es ereignete sich an einem sonnigen wintertag in wien, meiner heimatstadt. kurz zuvor hatte ich mich von meiner frau scheiden lassen, der mutter unserer beiden kinder. sie war mit den zwei kleinen bereits ausgezogen, in eine wohnung in der unmittelbaren nachbarschaft. ich selbst war noch in unserer gemeinsamen wohnung geblieben. diese befand sich in einem zinshaus, das meinem großvater gehört hatte. in diesem haus hatten einige familienmitglieder ihre wohnungen, meine tante und mein onkel, meine mutter, mein cousin, mein bruder und ich, ebenso mein großvater in den letzten jahren vor seinem tod.

nachdem unsere beiden kinder geboren waren, hatten wir zu viert in unserer wohnung gelebt. sie war groß und geräumig und lag im ersten stock dieses zinshauses, gleich neben der wohnung meines bruders. meine mutter wohnte im stock darüber und hatte dort auch ihre ordination.

nebenbei sei erwähnt, dass ich für diese wohnung miete bezahlte. nach dem tod meines großvaters war das eigentum an den wohnungen an seine töchter übergegangen. so war ich mieter des wohnungseigentums meiner mutter. ich bezahlte dort die hälfte des ortsüblichen mietzinses.

nach unserer scheidung lebte ich somit alleine in dieser wohnung. im scheidungsverfahren hatten wir festgelegt, dass ich meiner frau dafür eine finanzielle ablöse bezahlen würde. da die kinder weiterhin bei ihr lebten, erhielt sie als mutter das sorgerecht, ich als vater im gegenzug das besuchsrecht, insbesondere an jedem zweiten wochenende.

die kinder waren daher ab jenem jahreswechsel alle 14 tage von freitagabend bis sonntagabend bei mir. unsere tochter war inzwischen vier, unser sohn drei jahre alt.

kurz nach unserer scheidung kam ich eines nachmittags nach hause. ich war unterwegs gewesen und wollte gerade ins haus gehen, als ich meine mutter in ihrem auto heimkommen sah. auf dem rücksitz saßen die kinder, die mich durch das wagenfenster ebenfalls entdeckten und mir sofort lachend zuwinkten. offensichtlich hatte meine frau meine mutter gebeten, an diesem nachmittag auf sie aufzupassen. ich blieb stehen, drehte mich um und wartete auf sie.

als sie ausgestiegen waren, liefen sie mir gleich entgegen und wir umarmten uns. „papa, dürfen wir zu dir kommen?“ fragte meine tochter sofort. „ja, selbstverständlich, wenn ihr wollt.“

meine mutter kam ebenfalls herbei und so gingen wir zu viert in meine wohnung. nachdem sie ihre mäntel ausgezogen hatten, liefen die kinder ins kinderzimmer und begannen zu spielen. ich setzte mich zu ihnen auf den boden und spielte mit. meine mutter saß inzwischen auf einem sessel, sah uns zu und schwieg.

„oma, lass uns bitte mit dem papa alleine“, sagte meine tochter zu ihr, „wir kommen dann zu dir hinauf.“ meine mutter blieb sitzen, antwortete nicht, sondern schwieg weiterhin. kurz darauf sagte sie: „kinder, wir müssen jetzt gehen. bitte zieht euch an.“ sie stand auf und brachte den kindern ihre mäntel. nachdem sie sich angezogen hatten, verließen sie zu dritt meine wohnung.

kurze zeit später rief ich sie an und fragte sie: „warum bist du nicht gegangen, als dich die kinder darum gebeten haben?“ sie antwortete mit einem einzigen satz: „du hast nicht das sorgerecht.“

in diesem moment wusste ich: ich hatte verloren.

alles.

ich danke ihnen, anton pawlowitsch, dass sie mir zugehört haben. ich wünsche ihnen eine gute nacht!

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