Die Morde von Hanau

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den wolkenverhangenen Winterhimmel. Gerade hatte er erfahren, dass in Hanau, einer Stadt im deutschen Bundesland Hessen, ein junger Mann zehn Menschen und danach sich selbst ermordet hatte. Seither waren die Nachrichten voll von Meldungen über diese Morde, darüberhinaus gab es nicht enden wollende Kommentare zu dieser Tat und dem Täter.

Während Slupetzky die Meldungen verfolgte, fiel ihm auf, dass sich jeder Kommentator durch diesen Mord in seiner eigenen Einschätzung bestätigt sah. So unterschiedlich die politischen Standpunkte auch waren, sah jeder Beteiligte in diesem Verbrechen offenbar einen Beweis für seine eigene Überzeugung.

Slupetzky bemerkte, was gerade in ihm vorging. Mit jeder einzelnen Meldung entfernte er sich von seinem ursprünglichen Gefühl. Der ohnmächtige Schock begann einer inneren Wut zu weichen. Durch jeden neuen Kommentar stumpfte er mehr ab. Er beschloss, die Nachrichten nicht weiter zu verfolgen und die dazugehörigen Meldungen nicht länger zu lesen.

Er lehnte sich zurück und dachte an Hanau. In jener Stadt im Osten von Frankfurt hatte er als junger Mann gearbeitet. Er kannte ihre Straßen und Plätze, ihre Parks und Lokale, ihre Wälder und das Flussufer am Main. Und er kannte ein paar ihrer Menschen. Slupetzky wurde traurig. Er blickte auf und sah wieder in den Himmel. Dann begann er leise zu weinen.

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