Erklär’ uns den Kommunismus!

Anlässlich des 30. Jahrestags der “Samtenen Revolution” in der ehemaligen Tschechoslowakei stellt der slowakische Autor Tomáš Ulej in seiner Glosse die Frage: “Wie und wann werdet Ihr uns endlich den Kommunismus erklären?” Tomáš Ulej war zur Zeit der Öffnung des ‘Eisenen Vorhangs’ zwei Jahre alt. Heute absolviert er in seiner Freizeit von Bratislava aus am ehemaligen Todesstreifen zwischen der Slowakei und Österreich seine Lauftrainings.

Als Österreicher habe ich den ‘Eisenen Vorhang’ noch in den 1970er und 1980er Jahren von der anderen Seite erlebt. Er war für uns junge Wiener damals die Grenze zum Nichts. Die Länder jenseits dieser Grenze kannten wir nicht, niemand kam von dort und niemand ging dort hin. Dies hatte zur Folge, dass Wien zur Zeit des ‘Kalten Krieges’ zwischen Ost und West zwangsläufig zum “Ende der Welt” wurde. Da dies politisch das Ende der westlichen Welt war, richteten wir Österreicher unseren Blick damals ebendorthin, in die Gegenrichtung, nach Westen. Denn diese Welt war für uns wenigstens erreichbar.

Die Trennung Europas mitten durch sein Herz war für uns junge Menschen im Zentrum unseres Kontinents die schmerzlichste Erfahrung der politischen Wirklichkeit. Sie war für uns so grauenvoll, dass wir sie tabuisierten, nicht darüber sprachen und sie als naturgegeben hinnahmen. Einzig, wenn wir als Jugendliche politisch aufbegehrten, antworteten unsere Eltern: “Geh’ doch nach Drüben!” Damit waren die Länder jenseits des Todesstreifens gemeint und somit war jede weitere Diskussion beendet.

Umso freudvoller war dann die Überwindung dieser Teilung mit ihrem Höhepunkt, dem “Fall der Berliner Mauer”. Diese “Ostöffnung” erfolgte scheinbar aus dem Nichts, was der damaligen Wahrheit entsprach, denn hinter dem “Eisenen Vorhang” befand sich eben Nichts – zumindest für die überwältigende Mehrheit von uns. Das “Nichts” hatte sich erhoben und war sichtbar geworden. Und dieses “Nichts” war vor allem eines: Einförmig, arm und grau. “Der Kommunismus ist an seinem schlechten Geschmack zugrunde gegangen,” sollte Vaclav Havel danach einmal sagen.

Ein paar Jahre später lernte ich Hans Maršalek kennen. Hans Maršalek war einer der drei ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen, die wir im Zuge unserer Dokumentation “Herbstspaziergang” portraitierten. Er war zur Zeit des Nationalsozialismus als Wiener Widerstandskämpfer mit tschechischen Wurzeln verhaftet und nach Mauthausen gebracht worden. Noch im KZ gelang es ihm als Lagerschreiber, den Widerstand zu organisieren und gemeinsam mit anderen Häftlingen Menschen zu retten. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde er Kommunist.

Im Zuge der Dreharbeiten zu unserem Film fragte ich ihn mit einiger Skepsis nach dem Grund dafür. Schließlich hatte der Kommunismus auf seinem Höhepunkt doch zu Stalin und danach zu Breschnjew geführt. Er antwortete fast aufgebracht: “Aber ich bin doch nicht wegen Breschnjew Kommunist geworden! Oder wegen Stalin!” Und dann erzählte er, beinahe mit Tränen in den Augen, wie er in Mauthausen erlebt hatte, dass Kommunisten aus Solidarität miteinander bis in den Tod gegangen waren, um andere zu retten.

Der Kommunismus war der Traum von einer idealen Welt. Sein Zweck war es, diese Welt noch in unserer zu verwirklichen. Der Preis dafür waren Gefängnis und Tod. Alle diese Eigenschaften hatte er mit dem Nationalsozialismus gemein. Das Ende dieser beiden totalitären Regime Europas war jedoch grundverschieden. Der Untergang des Nationalsozialismus war weitgehend mörderisch, der Untergang des Kommunismus weitgehend friedlich. Dies lag bereits in der Idee begründet. Der Nationalsozialismus unterjochte und tötete vor allem die anderen Völker, der Kommunismus vor allem die eigenen.

Hans Maršalek hat beide Systeme überlebt. Er starb weit nach der Öffnung des Eisenen Vorhangs im hohen Alter in Wien. Bis an sein Lebensende war er ein hochpolitischer Mensch. Und er ist bis zuletzt Kommunist geblieben, Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Gewählt hatte er da aber schon längst auch andere.