All the way with JFK!

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, es war ein wunderschönes und würdevolles Begräbnis. Noch in der Früh hatte ich nicht gedacht, dass es überhaupt so weit kommen könnte. Caroline hatte offenbar in der Nacht nicht geschlafen und kam erst mit dem Taxi im Morgengrauen nach Hause, als der Chauffeur schon auf sie gewartet hatte.

Auch auf der Fahrt gemeinsam mit Rose schien es mir immer noch unmöglich. Caroline war völlig überdreht und verhielt sich “manisch angetrieben”, wie es medizinisch heißt. Die Details sind zu anstrengend, um erzählt zu werden. Es war jedenfalls soweit, dass ich an Jackie schrieb, dass notfalls ich die Verantwortung übernehmen und Caroline einweisen lassen würde.

Als wir nach knapp drei Stunden bei Mary ankamen, war Carolines Freundin Kate ebenfalls schon da. Kate war schockiert. Als ich sie in einem kurzen Gespräch fragte, wie ihre Einschätzung der Lage sei, meinte sie: “Ich bin gerade nur überfordert…”

So fuhren wir zur Kathedrale und waren um neun Uhr dort. Die Kirche war bereits voller Leute, schlussendlich sollte sie übervoll werden, mit Menschenschlangen bis hinaus auf die Straße. Der Sarg war am Beginn des Mittelschiffs im Halbdunkel aufgebahrt, Caroline verweilte kurz davor und ging dann die Reihe der Kränze links und rechts ab.

Caroline hatte noch vor der Abfahrt einen Teil ihrer Medikamente eingenommen. Da sie den Rest kurz vor der Ankunft nicht finden konnte, empfahl ich ihr, eine zusätzliche Dosis der Notfallmedikamente einzunehmen.

Vor dem Altar begrüßten wir den Vikar, zu dem Caroline sagte: “Meine Familie will das zwar nicht, aber ich möchte diese Geschichte lesen.” Der Vikar las sich nach anfänglicher Verwunderung die kurze Geschichte durch und versprach, die Geschichte in den Gottesdienst einzubauen. Rose und Mary drängten sie dazu, besser mich die Geschichte lesen zu lassen.

Wir trafen daraufhin gleich auf Ted, was sich als der Glücksfall des Tages erweisen sollte. Gemeinsam mit ihm gingen wir in ein nahegelegenes Café, um uns dort kurz aufzuwärmen und zu frühstücken. Danach kehrten wir gemeinsam in die Kathedrale zurück, Ted an Carolines linker, ich an Carolines rechter Seite. Dies sollten wir den gesamten Tag über beibehalten.

In der Kirche begrüßten wir, an den Schlangen von Menschen vorbei, Jackie und John John. Diese waren inzwischen eingetroffen und nahmen neben dem Sarg die Kondolenzen der Trauergäste entgegen. Danach begleiteten wir Caroline auf die Plätze der Familie in der ersten Reihe im linken Seitenschiff – genau gegenüber der Bänke der Ehrengäste auf der rechten Seite. Carolines inzwischen sedierter Zustand war für jeden in der Kathedrale offen sichtbar.

Danach ging ich kurz zum Eingang zurück, weil inzwischen klar war, dass Carolines Geschichte zu Beginn der Feier im Halbdunkel hinter dem Sarg gelesen werden sollte. Als die Priester kamen, eröffnete der Erzbischof den Gottesdienst mit dem Kreuzzeichen: “Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.” Dann gab mir der Vikar ein Zeichen, ich trat hinter den Sarg ans Mikrophon und las:

“Ich lese eine Geschichte, eine kurze Geschichte: Der Meerstern – von Deiner Tochter Caroline.”

Nachdem ich die Geschichte gelesen hatte, ging ich wieder nach vorne zu den Plätzen der Familie und setzte mich an Carolines rechte Seite. Ted saß links von ihr, neben uns beiden Rose und Mary. Dem Zug hinter dem Sarg folgten Jackie und John John mit den Kindern, die rechts neben uns, sowie hinter uns Platz nahmen.

Der Gottesdienst war außergewöhnlich würdevoll. Der Stiftungsvorstand, der Präsident und der Gouverneur würdigten Johns Verdienste. Als Caroline anfangs aufstehen wollte, hielt ich sie weiterhin fest an der Hand und flüsterte ihr ins Ohr: “Wir stehen nur auf, wenn der Bischof aufsteht.”

Am Ende des Requiems begann die Wirkung der Notfallmedikamente nachzulassen und Caroline wurde unruhig. Zuvor noch hatte sie beim Friedensgruß liebevoll und innig Jackie umarmt, wobei diese zu Caroline sagte: “Danke für das, was Du in der letzten Zeit für uns gemacht hast. Werde wieder gesund!”

Zum Abschluss wurde Johns Sarg von den Priestern und der Familie hinausgeleitet. An der Spitze folgten Jackie und Caroline, dahinter John John mit den Kindern. Die Freunde der Familie fuhren im Konvoi hinauf zum Friedhof. Caroline fuhr extra, nun aber begleiteten sie Ted und ich. Rose fuhr gemeinsam mit Mary in Kates Wagen.

Der Friedhof war an diesem Tag schön wie selten zuvor. Der Himmel öffnete sich und die Sonne strahlte über die gesamte Stadt bis an den Horizont. Wir trafen mit Rose, Mary und Kate oberhalb des Friedhofs zusammen. Dort nahm Caroline nochmals Medikamente für den Notfall ein. Danach gingen wir hinunter zum Friedhof und trafen an Johns Grab auf ein paar andere Trauergäste.

Der Protokollchef kam und bat uns, zum Haupttor zu kommen, wo die Prozession beginnen sollte. Wir gingen mit Caroline außerhalb des Friedhofs der Straße entlang dorthin, Ted wieder links und ich wieder rechts von ihr. Am Haupttor angekommen mussten wir uns zu dritt mitten durch die Menschenmenge zwängen, um zur Familie zu gelangen. Danach setzte sich die Prozession in Bewegung, wiederum mit Jackie und Caroline an der Spitze und John John mit den Kindern direkt dahinter.

Am Grab angekommen begann die Einsegnung und der Sarg wurde unter den Klängen der Militärmusik in die Erde hinabgelassen. Caroline hatte ihren Abschiedsbrief an John zuvor noch auf den Blumenschmuck von roten Rosen gelegt.

Nachdem sich der engste Familienkreis von John verabschiedet hatte, zogen wir uns rasch zurück. Auf dem Weg hinaus stützte Ted Caroline wieder links und ich wieder rechts. Danach fuhren wir zum Haus. Dort angekommen machten wir uns ein ganz einfaches Essen, wie es sich Caroline gewünscht hatte. Die drei Frauen kochten und wir Männer blieben bei Caroline.

Nach dem Essen machten wir noch sauber und fuhren zurück nach Hause, diesmal wieder Rose und ich mit Caroline und ihrem Chauffeur. Auf der Fahrt telefonierten wir mit der Klinik, um uns anzukündigen. Als wir am Abend endlich angekommen waren, hatten wir eine knappe Stunde zu warten, bis Caroline zum Arztgespräch vorgelassen wurde. Die Ärzte entschieden, sie nicht aufzunehmen, sondern empfahlen ihr die normale Dosis Schlafmedikation, sowie bei Bedarf nochmals Notfallmedikamente.

Rose und ich begleiteten Caroline mitsamt dem Chauffeur noch nach Hause. Während des Begräbnisses hatten mich die Nachbarn gefragt: “Wie geht es Caroline denn?” Darauf hatte ich geantwortet: “Das sehen Sie ohnehin. Wichtig ist, dass sie sich von John so schön verabschieden konnte. Er ist friedlich zu Hause eingeschlafen. Und sie und Jackie waren dabei. Ein wunderschöner Tod dieses außergewöhnlichen Lebens.”

Ganz zu Beginn dieses Tages hatte Caroline bei der Abfahrt zum Chauffeur gemeint: “Wissen Sie, als mein Halbbruder auf die Welt gekommen ist, da habe ich gefürchtet, dass meine Mutter schizophren wird. Da habe ich mir gedacht: Bevor meine Mutter schizophren wird, dann lieber ich.” Und dann hatte sie gelacht und gesagt: “Dabei bin ich gar nicht schizophren. Ich bin höchstens bipolar!”

Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben, Anton Pawlowitsch. Jetzt gehe ich schlafen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!

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Für John Connally und Marilyn Monroe

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