Die Heldenreise

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Frühlingshimmel. Soeben hatte er den Auftag bekommen, sein Leben als „Heldenreise” zu beschreiben. Diese Reise müsste 5 Abschnitte beinhalten: Den Ruf, den Mentor, die Schwelle, den Weg und die Rückkehr.

So saß er da und machte sich Gedanken. War er überhaupt ein Held? Was war sein Ruf? Wer war sein Mentor? Er wusste es nicht, zumindest nicht in dieser Kürze. Als er jedoch über die Schwelle nachdachte, kam ihm sofort ein einziges Bild in den Sinn: Es war die Schwelle zur Psychiatrie, zur Zwangspsychiatrie, über die er mit aller Gewalt abgeschoben wurde, damals, vor mehr als 25 Jahren. An jenem Abend, unmittelbar vor der Jahrtausendwende, hatte sein Leben seinen Sinn verloren. In diesem Moment hatten sich die Pforten der Hölle für ihn geöffnet.

Wer würde den grausamen Schmerz dieses Augenblicks nachvollziehen können, diese brutale Gewalt, diese fürchterliche Ohnmacht? Es gab Menschen, die Ähnliches erlebt hatten, Opfer von Gewalt und Folter. Diese Menschen würden ihn verstehen, und er würde sich auf den Weg machen, diese zu finden.

„If you are walking through hell, do it, as you would own this place”, hatte er sich einmal selbst zugerufen. „Wenn Du durch die Hölle gehst, dann sei der Chef da unten, lass Dich niemals unterkriegen!” Diesen Weg würde er nun zu gehen haben, mittendurch durch die Hölle.

Ganz tief unten in der Hölle traf er auf den Ämsten von allen. Er war mit Abstand der Kleinste und Schwächste, den alle anderen Höllenbewohner in seiner Gefangenschaft elendiglich misshandelten. Slupetzky selbst empfand Mitleid mit ihm. Er blickte den Kleinsten und Schwächsten an und sprach ihm Mut zu. Als Slupetzky die Hölle wieder verließ, sah er sich ein letztes Mal um. Da entdeckte er den Kleinsten und Schwächsten, wie er sich gerade von seinen Fesseln befreit hatte und nun ganz langsam aufrichtete. Und er blickte Slupetzky an und sagte leise: „Ich danke Dir. Du bist hereingekommen und hast Licht hereingebracht.”

Als Slupetzky die Hölle wieder verließ, da wusste er: Dieser Kleinste und Schwächste hatte ihn gerettet. Es hatte einen Sinn gehabt, alles. Dieser Mensch hatte seinem Leben den Sinn zurückgegeben. Das war es wert gewesen, alles.

peterwurm.wordpress.com

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