
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Sebastian Kurz!
“Wer Wolfgang Schüssel verstehen will, der muss verstehen, wie er Fußball spielt,” hat es über Ihren Vorgänger geheißen. Dieser war, wie Sie, nicht nur Bundeskanzler, sondern auch Obmann der konservativen Volkspartei. Und wie Sie koalierte er als Regierungschef zunächst mit der “rechtspopulisischen” Freiheitlichen Partei, um dann eine Koalition mit den “linksliberalen” Grünen zu versuchen. Was Wolfgang Schüssel versagt blieb, ist Ihnen gelungen. Dafür danke ich Ihnen, denn die Koalition mit den Grünen war die einzige Möglichkeit, die teuflische Alternative “Stillstand (mit der SPÖ) oder Niedertracht (mit der FPÖ)” zu durchbrechen.
Soweit ich weiß, spielen Sie nicht Fußball, zumindest sind mir diesbezüglich keine öffentlichen Bilder bekannt. Wie könnte man daher Sie zu verstehen versuchen? “Wer Sebastian Kurz verstehen will, der muss verstehen, wie er Fragen beantwortet.” (Die Satiriker von “maschek” haben dies immer wieder in großartiger Weise zu analysieren versucht, beispielsweise hier.)
Wie beantworten Sie Fragen? Vorausgeschickt sei, dass Sie als hervorragender Zuhörer gelten. Sie saugen Informationen gleichsam in sich auf. Das ist eine ausgezeichnete und notwendige Voraussetzung für Klugheit. Zuhören zu können macht klug. Ohne zuzuhören bleibt man dumm, man verblödet geradezu. Sie haben die Gabe, nicht verblöden zu müssen, weil Sie zuhören können.
Was machen Sie nun mit all den Informationen? Wie reagieren Sie darauf und, was viel wichtiger für uns alle ist, wie regieren Sie damit? Gemeinhin wird der Kommunikationsstil Ihrer Regierung mit dem Terminus “message control” zusammengefasst. Ihre Regierung bemüht sich geradezu manisch, die Kontrolle über die politischen Nachrichten auszuüben. Das ist formal, also machtpolitisch, höchst vernünftig. Denn politische Macht gründet sich auf der Hoheit über den gesellschaftlichen Diskurs.
Der Preis dafür ist ein inhaltlicher. Wenn der Inhalt der Form untergeordnet wird, dann bleibt letzten Endes nichts als Leere zurück. Hans Christian Andersens Märchen von “Des Kaisers neue Kleider” dient dabei als ebenso wahres wie entlarvendes Beispiel. “Der Kaiser hat ja gar nichts an!”
Lieber Sebastian Kurz, Ihr Regierungsstil birgt eine große Gefahr in sich. Der smarte, höfliche und redegewandte Bundeskanzler beginnt sich, selbst für das gemeine Publikum, zu entlarven. Gerade in der intensiven Krise der Corona-Pandemie scheint sich dieser Regierungsstil totzulaufen.
Österreichs Politik zeichnet sich dadurch aus, dass die “Linke” hochmütig und selbstgefällig ist, und die “Rechte” dumm und perfid. Die “Linke” überfordert Herz und Hirn des gemeinen Österreichers, die “Rechte” unterfordert beides. Die “Linke” stellt an andere intellektuelle und moralische Ansprüche, die sie nicht einmal selbst zu erfüllen vermag, die “Rechte” ist von einer diesbezüglichen Anspruchslosigkeit, die zum Kotzen anregt. Die “Mitte” des Landes wendet sich angewidert von beiden ab.
Sie, lieber Sebastian Kurz, stehen für eine ausgesprochene “Mitte-Rechts-Politik”. Sie wollen es allen Recht machen, aber im Zweifel das Volk nicht überfordern. Lieber sammeln Sie Stimmen vom “rechten Rand”, als auf “Mitte-Links” zuzugehen. Das kann man angesichts der teilweise katastrophalen Geschichte unseres Landes verstehen. Vielleicht ist es sogar grundvernünftig. Wenigstens kein neuer Holocaust…
Der Preis für dieses “kleinere Übel” ist eine inhaltliche Beliebigkeit und moralische Verwerflichkeit. Es werden Zeiten kommen, in denen auch Sie sich zu entscheiden haben werden: Mitte oder Rechts? Vielleicht ist diese Zeit, im Angesicht der fortschreitenden Pandemie in Österreich und des Flüchtlingselends auf Lesbos inzwischen schon gekommen.
“Politik” hat das Problem, das “Ganze” behandeln zu müssen. Während jeder von uns nur die Bäume sieht, haben Sie sich um den Wald zu kümmern. Für das Wohl des Waldes muss hie und da so mancher Baum geopfert werden. Man kann es nicht andauernd jedem Recht machen. Gerade im Angesicht von Corona und Lesbos wird diese Herausforderung schmerzhaft deutlich. Dies mit Hirn tun zu müssen, lässt so manches Herz erkalten.
Und das bringt mich an den Anfang zurück. Wer Sebastian Kurz verstehen will, der muss verstehen, wie er Fragen beantwortet. Sebastian Kurz beantwortet Fragen, wie er Fußball spielt: Gar nicht.
Unser Bundeskanzler beantwortet in Wahrheit keine einzige Frage, die ihm gestellt wird. Statt dessen singt er immer dasselbe Lied. Um welches Lied handelt es sich dabei?
Es gibt einen alten Spruch über den Unterschied zwischen den Komponisten Anton Bruckner und Johannes Brahms: “Bruckner hat viel zu sagen, aber keine Technik dafür. Brahms hat nichts zu sagen – aber mit welcher Technik!”
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Johannes Brahms!
Der Bäume sind genug geopfert. Unser Wald ist in Gefahr!
Ihr Anton Bruckner
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