Heimat

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, ich bin in Döbling aufgewachsen, dem 19. Gemeindebezirk von Wien. Ein paar hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt befindet sich die Armbrustergasse. In dieser Gasse wohnte zu jener Zeit Bruno Kreisky, der Bundeskanzler unserer Republik. Jedesmal, wenn wir mit dem Auto zu unserem Klosterneuburger Haus im Norden von Wien hinausfuhren, passierten wir seine Villa auf der linken Straßenseite. Oft sahen wir seinen Wagen, einen alten Rover, vor dem Haus stehen und manchmal auch ihn selbst. Seine Telefonnummer kannten wir ebenso, denn sie war im öffentlichen Telefonbuch aufgelistet.

Noch näher als die Armbrustergasse liegt die Hohe Warte mit der damaligen Präsidentenvilla. In meiner Kindheit besuchten wir regelmäßig am Sonntag Abend die Messe in der Karmeliterkirche, die sich gleich um die Ecke befindet. Und an jedem Wochenende kamen uns der damalige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger und seine Frau Herma entgegen, die ebenfalls auf dem Weg zur Messe waren.

In der Kirche saßen die beiden stets rechts hinten in der Bankreihe vor uns. Und als der Priester den “Friedensgruß” mit den Worten “Gebt einander ein Zeichen des Friedens!” einleitete, da drehte sich unser Bundespräsident langsam um und schaute mich lächelnd an. Und er sagte mit leiser und liebevoller Stimme: “Der Friede sei mit Dir.” Und dann gab er mir die Hand.

Seitdem weiß ich, was “Heimat” bedeutet.

Ich danke Ihnen, Anton Pawlowitsch, dass Sie mir zugehört haben. Ich gehe jetzt schlafen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!