Rilke sei Dank

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch das Dachfenster in den blauen Himmel. Minutenlang saß er da, ohne dass irgendetwas geschah. Würde er die Stille ertragen können? Ihm kam Rilke in den Sinn und das wunderbare Gedicht aus seinem “Stunden-Buch”, das mit dem Vers begann: “Wenn es nur einmal so ganz stille wäre…”

Nun war es still. Es war hellichter Tag, und dennoch war es still. Er hörte Stöckelschuhe durch den Innenhof gehen und die Eingangstüre, wie sie ins Schloss fiel. Er hörte den Kühlschrank in der Küche summen und das Ticken seiner Uhr am linken Arm. Er hörte den Klang seiner Schreibmaschine bei jedem einzelnen Buchstaben und seinen eigenen Atem. Und plötzlich begann er, sein eigenes Herz schlagen zu hören.

Es war so still geworden, dass er sein eigenes Herz hören konnte. Über den Himmel flog ein Vogel. Dann zog ein Flugzeug hoch oben vorbei. Der Kühlschrank hatte zu summen aufgehört. Seine Uhr tickte weiter. Und ganz leise hörte er sein Herz.

Er schlug das “Stunden-Buch” auf und las die letzten Verse von Rilkes Gedicht. Und er begann zu lächeln.

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