Der Stachel im Fleisch

Peter Wurm: Der Stachel im Fleisch

Beitrag für die Kirchenzeitung „Zusammenhang“ der Caritasgemeinde Wien

„Der Stachel im Fleisch“. Was kommt mir dabei in den Sinn? Denke ich dabei an eine Wespe, die mich sticht? Als Kindern haben wir in unserem Garten Wespen getötet. Wir haben die Wespen getötet, weil sie uns ziemlich lästig waren und vielleicht gefährlich geworden wären. Meist haben wir Wespenfallen gebaut, ganz ohne Mitleid. Manchmal sogar haben wir die toten Wespen in einem kleinen Spielzeugauto gesammelt, einem Matchbox-Lastwagen. Es war ein Kinderspiel.

Da ist er schon, der Stachel in meinem Fleisch. Ich erinnere mich nicht gerne an diese Geschichte. Doch beginnen wir von vorne:

Eigentlich wollte ich diesen Artikel über die Dornenkrone schreiben, die die römischen Soldaten für Jesus anfertigten, um ihn damit auf den Kreuzweg zu schicken. Bei Matthäus heißt es: „Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: ‚Heil Dir, König der Juden!’“ (Mt 27,29) Die Dornenkrone. Wie oft haben wir dieses Wort inzwischen gehört, wie oft diese Geschichte erzählt bekommen, wie oft dieses Bild gesehen? Jeder kennt inzwischen dieses Wort, diese Geschichte und dieses Bild. Der Stachel im Fleisch. Wollen wir uns daran gewöhnen?

Wahrscheinlich kennen fast alle Menschen auf der Welt inzwischen die Geschichte der Kreuzigung Jesu. Wie viele Kreuze haben wir in unserem Leben bisher gesehen, wie viele Dornenkronen? Haben wir uns inzwischen daran gewöhnt? Können wir uns heute noch vorstellen, was das bedeutet? Mit der Dornenkrone beginnt die Geschichte des Leides. Der Stachel im Fleisch: „Gelitten unter Pontius Pilatus“ heißt es in unserem Glaubensbekenntnis. Wir beten diesen Satz im Gottesdienst völlig routiniert, meistens schnell, vielleicht sogar gelangweilt. Was fühlen wir noch dabei? Fühlen wir überhaupt noch etwas dabei?

Wie viele Kreuze muss man gesehen haben, um sich daran zu gewöhnen, wie viele Dornenkronen? An wie vielen Kreuzen muss man vorbeigegangen sein, an wie vielen Dornenkronen? Wie viel Leid muss man gesehen haben, an wie viel Leid vorbeigegangen sein? Wann gewöhne ich mich an das Leid? Wann gewöhne ich mich an den Stachel im Fleisch? Wann gewöhne ich mich an das Bild der Kreuzigung, wann an das Bild der Dornenkrone? „Gekreuzigt, gestorben und begraben“ heißt es im Glaubensbekenntnis weiter. Wer hat sich noch nicht daran gewöhnt?

Wir wollen uns nicht daran gewöhnen. Das kann nicht das Ende der Geschichte sein. Das darf nicht das Ende der Geschichte sein. Nein. Das ist nicht das Ende der Geschichte. In Wahrheit beginnt unsere Geschichte erst hier: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“ beten wir im Glaubensbekenntnis danach. Der Stachel wird wieder herausgezogen. Die Wunde im Fleisch beginnt zu verheilen. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ schreibt Paulus dazu (1 Kor 15,55 nach Hos 13,14).

Wir halten unseren Gottesdienst, um diese Geschichte jede Woche neu zu erzählen. Wir halten unseren Gottesdienst, um uns nicht an die Dornenkrone und die Kreuzigung zu gewöhnen. Wir halten unseren Gottesdienst, um uns nicht an das Leid zu gewöhnen. Wir halten unseren Gottesdienst, um uns nicht an den Tod zu gewöhnen. Wir halten unseren Gottesdienst, um gemeinsam an die Auferstehung zu glauben. Wir glauben fest an die Auferstehung. Doch was bedeutet das heute noch?

Damit komme ich zur Vorgeschichte zurück. Als Kindern haben wir in unserem Garten Wespen getötet. Wir haben die Wespen getötet, weil sie uns ziemlich lästig waren und vielleicht gefährlich geworden wären. Meist haben wir Wespenfallen gebaut, ganz ohne Mitleid. Dann haben wir sie in einem Spielzeugauto gesammelt. Tote Wespen in einem kleinen Lastwagen. Es war ein Kinderspiel. Was kommt mir dabei in den Sinn, jetzt im September 2015?

71 tote Menschen in einem kleinen Lastwagen. Erstickt und abgestellt auf einem Autobahnparkplatz in der Nähe eines Einkaufszentrums östlich von Wien. In Parndorf. Wie oft haben wir dieses Wort inzwischen gehört, wie oft diese Geschichte erzählt bekommen, wie oft dieses Bild gesehen? Jeder kennt inzwischen dieses Wort, diese Geschichte und dieses Bild. Wollen wir uns daran gewöhnen? Was fühlen wir noch dabei? Fühlen wir überhaupt noch etwas dabei? Wer hat sich noch nicht daran gewöhnt?

Ich will mich nicht daran gewöhnen. Das kann nicht das Ende der Geschichte sein. Das darf nicht das Ende der Geschichte sein. Nein. Das ist nicht das Ende der Geschichte. In Wahrheit beginnt unsere Geschichte erst hier.

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