
Gestern Abend war “Im Zentrum”, der wichtigsten Diskussionssendung des ORF, wieder einmal Andreas Khol zu Gast. Dieser war Nationalratspräsident und Bundespräsidentschaftskandidat und ist heute Obmann des Seniorenbundes der Österreichischen Volkspartei. Er gilt als das “Urgestein” des Konservativismus in unserem Land.
Andreas Khol wurde vor einer Generation als Architekt der Koalition mit der FPÖ bekannt, obwohl er sie kurz zuvor noch als “außerhalb des Verfassungsbogens” bezeichnet hatte. Er rechtfertigte seinen ideologischen Schwenk damals mit einem Zitat von Friedrich Schiller: “Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit.”
Dieser Rückgriff auf den Freiheitskämpfer Friedrich Schiller erinnert frappant an Alexander Gauland, den Fraktionsvorsitzenden der deutschen AfD. Dieser begründete seine Ablehnung der Lockdown-Maßnahmen der Regierung von Angela Merkel ebenfalls mit diesem deutschen Dichter: “Das Leben ist der Güter höchstes nicht,” zitierte Alexander Gauland aus Schillers “Braut von Messina”, um dann hinzuzufügen: “Der Güter höchstes ist die Freiheit.”
Andreas Khol und Alexander Gauland sind beide Speerspitzen des “rechten” Lagers im deutschen Sprachraum. Beide sind zweifellos “stockkonservativ”. Beide sind ideologisch extrem gefestigt. Beide polarisieren in außergewöhnlicher Weise. Und beide haben keine Berührungsängste mit dem Faschismus.
Wenn man beiden so zuhört, dann fragt man sich: Was treibt diese Männer an? Was wollen diese Männer uns eigentlich sagen?
Alexander Gauland und Andreas Khol sind beide 1941 geboren, Alexander Gauland am 20. Februar in Chemnitz und Andreas Khol am 14. Juli auf Rügen. Sie kamen beide zu einem Zeitpunkt auf die Welt, als das Deutsche Reich unter Adolf Hitler auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Ganz Europa war mit den Deutschen verbündet oder von den Deutschen besetzt. Einzig das Vereinigte Königreich unter seinem Premierminister Winston Churchill stand im Widerstand gegen das Deutsche Reich.
1941 war das entscheidende Jahr der Weltgeschichte. Das nationalsozialistische Deutschland hatte ganz Europa unterworfen und stand auf dem Sprung zur Weltherrschaft. Zu diesem Zeitpunkt entschied sich Adolf Hitler, alles auf eine Karte zu setzen. Am 22. Juni gab er den Befehl zum Angriff auf Russland.
Keine vier Jahre später wurden der kleine Alexander Gauland und der kleine Andreas Khol Zeugen, wie die russischen Soldaten die Mütter ihrer Kindergartenfreunde in Massen vergewaltigten. Unter dem Motto “die deutsche Frau ist vogelfrei” kam es zu den grausamsten Gewaltverbrechen von Männern an Frauen. Das Paradies des kleinen Alexander Gauland und des kleinen Andreas Khol war mit einem mal vorbei, das Lachen war ihnen für den Rest ihres Lebens vergangen.
Acht Jahrzehnte später stehen der kleine Alexander Gauland und der kleine Andreas Khol nun als Großväter im Licht der Öffentlichkeit. Alexander Gauland beruft sich mit Schiller auf die “Freiheit”, Andreas Khol mit Schiller auf die “Wahrheit”. Sie tun dies bis zum heutigen Tage inhaltlich in höchst kompetenter Weise, formal in verbissen kompromissloser Form. Was wollen sie uns allen damit mitteilen?
Alexander Gauland und Andreas Khol sind ohne ihre Lebensgeschichte nicht zu verstehen. Beide treibt die Abscheu vor “linken” Ideen. Beide haben die Grauen des Kommunismus der Sowjetunion erlebt, der eine aus der Nähe, der andere aus der Ferne. Beide wissen, wohin eine totalitäre Ideologie führt.
Beide leisten daher gegen “linke” Ideen erbitterten Widerstand. Beide tun dies kompromisslos, um fast jeden Preis. Beide verteidigen die “Freiheit” und die “Wahrheit” mit dem jugendlichen Geist des Friedrich Schiller bis ins hohe Alter. Sie übersehen dabei, dass selbst ihre “Freiheit” und ihre “Wahrheit” Grenzen haben. So werden die beiden in ihrem verbitterten Kampf gegen den Totalitarismus selbst totalitär.
Interessanterweise richtet sich der Zorn der beiden gegen alles “Linke” dabei besonders gegen Frauen. “Wir werden sie jagen!” rief Alexander Gauland in Richtung Angela Merkel aus, während Andreas Khol empfahl, Pamela Rendi-Wagner “eine aufzulegen,” wofür er sich später entschuldigen musste.
Man möchte beiden mit Schiller zurufen: “Es bringt nicht gute Frucht, wenn Hass dem Hass begegnet. Weisere Fassung ziemt dem Alter, der Geist der grauen Haare spricht aus Dir!”
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