Der Osten der Ukraine

Der Osten der Ukraine

Wenn ich die letzte Woche Revue passieren lasse, so kommt mir – neben dem Tod von Lorin Maazel. Gert Voss und Nadine Gordimer am Sonntag – der Krieg im Osten der Ukraine in den Sinn. Beginnen wir jeoch mit dem Ableben der drei Künstler:

Gert Voss wird allgemein als der wichtigste Theaterschauspieler des deutschen Sprachraums angesehen, Lorin Maazel als einer der bedeutendsten Dirigenten weltweit, und Nadine Gordimer war Nobelpreisträgerin fuer Literatur. Dennoch hat ihr Ableben nur für ein bis zwei Tage für Schlagzeilen gesorgt. Das gibt mir zu denken.

Diese drei Künstler haben sich ein Leben lang in ihrem Fach bemüht, Spitzenleistungen zu erzielen. Alle drei waren womöglich die größten Meister ihres Faches. Und dennoch sind sie in der allgemeinen Wahrnehmung nur ein paar Stunden aufgetaucht – und wurden danach wieder vergessen.

Wie belanglos muss doch das Leben sein, wenn selbst die größten Künstler ihres Faches bei ihrem Ableben nur für ein paar Stunden die internationalen Meldungen beherrschen. Und bei den getöteten Flugpassagieren im Osten der Ukraine wissen überhaupt nur die engsten Familienangehörigen, um wen es sich dabei gehandelt hat.

Wie belanglos ist doch ein Menschenleben! Im Osten der Ukraine sterben zur Zeit im Bürgerkrieg sicherlich ein paar Dutzend Menschen pro Tag, im Gazastreifen durch die Luftangriffe der israelischen Armee ebenso. Weltweit verhungern pro Minute zehn Kinder – und niemand nimmt davon besondere Notiz.

Selbst im medialen Sommerloch beherrschen Nebensächlichkeiten die Tagesordnung. In Österreich berichtet man über den Sommerurlaub eines ehemaligen Finanzministers, wobei er doch aufgrund ernster gesundheitlicher Probleme einen Gerichtstermin abgesagt hat. Die Spielereien dieses ehemaligen Finanzministers werden so weit wichtiger als die Toten im Osten der Ukraine, im Gazastreifen oder das Sterben der Weltkünstler am vergangenen Sonntag.

In dieser meldungsarmen Zeit des Hochsommers wird so deutlich, was uns Menschen interessiert. Im Grunde sind es immer Nebensächlichkeiten. Die Vergänglichkeit des Lebens gehört offenbar nicht dazu. Wir ergötzen uns an den Spielereien des ehemaligen österreichischen Finanzministers, um uns von der Vergänglichkeit des Lebens so gut wie möglich abzulenken. Der Osten der Ukraine, der Gazastreifen und die drei toten Weltkünstler stören uns nur dabei. Und deshalb werden sie so schnell wie möglich verdrängt und vergessen.

Unsere eigene Ohnmacht im Angesicht des Todes ist uns offensichtlich unangenehm. Daher wollen wir sie so schnell wie möglich durch Nebensächlichkeiten ablösen. Nach dem Ende der Weltmeisterschaft im Männerfussball wird dieser Mechanismus besonders deutlich. Hatten in den letzten paar Wochen die Gladiatorenspiele in Brasilien die Meldungen bestimmt, so sind es jetzt ganz offensichtlich Belanglosigkeiten. Der „Chronik“-Teil der Zeitungen wird dabei noch wichtiger als sonst. Und der Krieg im Osten der Ukraine sowie im Gazastreifen wird dadurch wichtig, weil er gleichsam den internationalen Chronik-Teil ausmacht.

Was ist uns wirklich wichtig? Wenn ich mir die Nachrichten im medialen Sommerloch zu Gemüte fuehre, dann wird mir fast übel. Am Ende der Fussball-Weltmeisterschaft beherrscht dann die Diskussion über den „Gaucho-Tanz“ der deutschen Weltmeister die Szenerie – mit allen peinlichen Urteilen inklusive. Bis hin zum offenbar unvermeidlichen „Nazi“ wird hier verurteilt, weil sechs deutsche Spieler einen im Fussball weit verbreiteten Tanz vor dem Brandenburger Tor aufgeführt haben. Auch das gehört offensichtlich zu den Wichtigkeiten in der Berichterstattung.

Was ist mir wichtig? Mir ist wichtig, dass die Ukraine in ihrer Gesamtheit zu Europa gehört, und wir uns dieser Verantwortung bis hin zur Überwindung des Bürgerkriegs zu stellen haben. Mir ist wichtig, dass aufgeklärt wird, wer für den Abschuss der Malaysischen Boeing 777 verantwortlich ist – samt der Tötung von über 200 Menschen. Und mir ist wichtig, dass die internationale Staatengemeinschaft sich dafür einsetzt, die tödliche Spirale der Gewalt zwischen Israel und Palästina überwinden zu helfen. Und letztendlich ist mir wichtig, dass das Leben und Werken von herausragenden Menschen gewürdigt wird – und das länger als nur für ein paar Stunden. Das Leben ist lebenswert – und der Mensch ist wichtig. Weit wichtiger als sommerliche Nebensächlichkeiten.

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