Ecuador, endlich…

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den abendlichen Frühlingshimmel. Vor Kurzem war ihm der polnische Kinderbuchautor Janosch in den Sinn gekommen. Slupetzkys Lieblingsgeschichten von Janosch waren jene vom kleinen Bären und vom kleinen Tiger, die gemeinsam die spannendsten Abenteuer erlebten.

Die berührendste dieser Geschichten hieß „Oh, wie schön ist Panama,” in welcher der kleine Bär und der kleine Tiger eine Bananenschachtel fanden, die aus Panama kam und nach diesem fremden Land duftete. So machten sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf den Weg, dieses wunderbare Land zu entdecken. Nachdem sie dabei allerlei Abenteuer erlebt hatten, kamen sie am Schluss endlich in Panama an: Es war ihr eigenes Zuhause.

Slupetzky ging es ähnlich wie dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger. Sein Zuhause war Wien und sein Panama hieß Ecuador, die viel geschmähte „Bananenrepublik” an der Pazifikküste Südamerikas. Wien war seine Geburtsstadt, Ecuador war seine Heimat im Herzen. Jenes tropische Land am Äquator hatte ihn als jungen Mann gerettet. Er hatte während seines Studiums sein Leben in Wien unterbrochen, um in Ecuador zu leben und zu arbeiten. Diese kurze und entscheidende Zeit hatte er für sich selbst in ironischer Form als „Nachdenkpause” bezeichnet: „… wobei es nicht klar ist, ob es sich dabei um eine Pause vom oder zum Nachdenken handelt. Beides wäre eine Katastrophe…”

Als er nach einem halben Jahr nach Europa zurückkehrte, hatte er sich in einer Weise verändert, die er als tragisch bezeichnen würde. Ab jenem Moment konnte kein erwachsener Europäer mehr sein kindliches Gemüt verstehen. Er hatte in Ecuador sein Paradies gefunden und dort sein Herz verloren. In Europa war er ab sofort ein Fremder, vor allem in seiner Heimatstadt Wien.

Wien war eine Spezialität für sich. „Wien ist anders,” lautete der politische Slogan dazu. Wien war die lebenswerteste, sowie gleichzeitig die unfreundlichste Stadt der Welt. Dieser paradoxe Umstand war in mehreren weltweiten Umfragen nachgewiesen worden. Wer diese Absurdität nicht begreifen konnte, der hatte in dieser Stadt keine Chance. Das „Goldene Wienerherz” war zwar gülden schimmernd, doch in Wahrheit aus hartem Metall. In Wien konnte nur heimisch werden, wer hier nicht daheim war. Die Konsequenz daraus bedeutete, dass hier jeder ein Fremder unter Fremden war.

So wurde Slupetzky nach seiner jugendlichen Rückkehr aus Südamerika ein Fremder in seiner eigenen Stadt. Er versuchte, Zeit seines erwachsenen Lebens damit in geeigneter Weise umzugehen. Insbesondere lebte er immer wieder außerhalb von Wien, in den verschiedensten Ländern Europas. Doch sein südamerikanisches Herz blieb auch dort immer alleine und fremd. Wohin er auch kam, er blieb ein andauernder Außenseiter.

Wien, Votivkirche

Wien, Stephansdom

Wien, Musikverein

Nun saß er da, direkt unter seinem Dachfenster unter dem abendlichen europäischen Himmel und begann zu träumen. Wie der kleine Bär und der kleine Tiger in der Geschichte von Janosch roch er plötzlich den Duft der weiten Welt, die im Herzen seine eigentliche Heimat war. Ecuador, das Land der Bananen, das Land seiner Träume, das Land seiner Sehnsucht, das Land seiner Liebe. So packte er seinen kleinen Koffer mit dem Allernotwendigsten, verließ seine Wohnung, schloss die Türe hinter sich und fuhr hinaus zum Flughafen. 

Madrid, Prado

Madrid, Puerta del Sol

Madrid, Calle de las Huertas

Nachdem er dort angelangt war, bestieg er die erste morgendliche Maschine nach Madrid, wo er noch einen wunderschönen letzten Tag in Europa verbrachte. Knapp nach Mitternacht flog er weiter über den Atlantik nach Südamerika. Als er in der Neuen Welt landete, ging gerade die Sonne über den Anden auf. Er würde wieder nach Europa zurückkehren, das war klar, immer und immer wieder. Doch endlich war er angekommen, in Ecuador, zu Hause, endlich, al fin.

Die Anden, Sonnenaufgang

Amazonien, Sonnenaufgang

Guayaquil. Aeropuerto

Daule, Rio Banife

Ecuador I: Der Kopf

(MP3-Audio, 02:35 min)

Ecuador II: Das Herz

(MP3-Audio, 02:05 min)

Ecuador III: Die Seele

(MP3-Audio, 03:55 min)

peterwurm.wordpress.com

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