Alle Probleme dieser Welt…

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Neujahrshimmel. Das soeben begonnene Jahr ließ ihn an ein grundsätzliches Problem denken, an die Geburt eines Lebewesens. Das elementarste Ereignis eines Menschen war seine Geburt. Er war daher völlig überzeugt, dass sich alle Probleme dieser Welt auf ein einziges Problem zurückführen ließen: Das Hebammen-Problem.

Wenn sie als Menschen auf die Welt kamen und geboren wurden, dann empfing sie in jeder zivilisierten Kultur ein vollkommen fremder Mensch: Die Hebamme. Der erste Mensch, der sie in dieser Welt willkommen hieß, der sie in den Arm nahm, der sie berührte, den sie spürten und rochen, war nicht ihre Mutter und für gewöhnlich nicht ihr Vater, sondern eine Frau, der sie danach niemals wieder begegnen würden. Wenn sie dieser Mensch kurz darauf ihrer Mutter übergab, dann erlebten sie bereits den ersten Verlust. 

Völlig egal, ob ihre Mutter danach liebevoll oder lieblos war, diesem Verlust trauerten sie in jedem Fall nach. Die Ent-Bindung erfolgte eben nicht nur unbewusst von ihrer Mutter, sondern vor allem bereits bewusst von ihrer Hebamme. Sobald sie geboren wurden, befanden sie sich daher bereits im doppelten Exil. Ihre Heimat hatten sie somit für immer verloren. Sie lag nicht nur als ungeborener Embryo unerreichbar im Uterus ihrer Mutter, sondern als bereits geborener Mensch unwiederbringlich in den Armen ihrer Hebamme. 

Von jenem Moment an befanden sie alle sich auf der Suche, ohne jemals finden zu können. Es blieb ihnen in dieser Welt einzig eine unstillbare Sehnsucht, die niemals erfüllt werden konnte. Dies war der Grund für alle Konflikte und jeden Krieg auf der Welt.

Slupetzky seufzte. Sie alle waren doch nur auf der Suche nach der Rück-Bindung zu ihrer ersten Liebe. Wenn sie als Menschen sich dieser unstillbaren Sehnsucht einmal bewusst würden und diese irgendwann auch akzeptieren könnten, wäre es vielleicht möglich, Konflikte und Kriege zu überwinden. Mit diesem unstillbar romantischen Gedanken machte er sich auf den Weg ins neue Jahr. 

peterwurm.wordpress.com

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