Das Weihnachtsgeschenk

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte aus seinem Dachfenster in den vorweihnachtlichen Abendhimmel. Zu Mittag hatte er einen Termin in der Nähe des Hauptbahnhofs gehabt. Als er dort aus der Station der Untergrundbahn ausstieg, sah er in der Fußgängerzone einen alten Mann, der gestürzt war. Er lag auf der Straße auf dem Rücken und konnte nicht mehr aufstehen.

Slupetzky ging schnell zu ihm hin und beugte sich zu dem alten Mann hinunter, um ihm aufzuhelfen. Gleichzeitig war ein anderer junger Mann gekommen, und so nahmen sie den Alten von beiden Seiten und halfen ihm auf. Rasch stellte sich heraus, dass der alte Mann ein betrunkener Obdachloser war. Sein Gewand war von oben bis unten verdreckt, sein Atem roch nach Wein und seine Augen waren glasig. Er weinte. 

„Frau… gestern… gestorben…”, stammelte er. Der zweite Mann hatte es augenscheinlich eilig und verabschiedete sich schnell. Slupetzky blieb alleine mit dem alten Mann zurück. Er merkte, wie schwer es war, den Alten auf den Beinen zu halten. „Frau… gestern… gestorben…”, stammelte der Alte nochmals, „Liberec…” Slupetzky versuchte, sich einen Reim darauf zu machen. Der Alte war offensichtlich Tscheche aus Liberec und hatte seine Frau verloren. „Ich… Slupetzky”, sagte er und zeigte auf sich. „Igor”, sagte der Alte, immer noch unter Tränen.

„Igor, Hauptbahnhof, Liberec”, antwortete Slupetzky. „Ja, Liberec”, stammelte der Alte. Slupetzky zog sein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer seines Kollegen: „Ich habe hier einen Notfall, ich verspäte mich um eine halbe Stunde.” Nachdem er aufgelegt hatte, wendete er sich wieder dem Alten zu: „Komm, Igor, wir gehen zum Hauptbahnhof. Dort kaufe ich Dir eine Fahrkarte nach Liberec.”

Der Weg zum Hauptbahnhof war normalerweise in knapp zehn Minuten zu schaffen. Nun brauchten sie weit mehr als eine halbe Stunde, um diese kurze Strecke zu bewältigen. Slupetzky hatte Igors Arm unter seinen genommen und ging links von ihm. Igor taumelte, jeder Schritt fiel ihm schwer, und zweimal stürzte er beinahe auf die Straße. Einmal half eine junge Frau, Igor wieder aufzurichten, beim zweiten Mal schaffte es Slupetzky sehr mühsam alleine. Auf dem Weg unterhielten sie sich auf Tschechisch, wobei Slupetzky immer wieder seine vier Wortbrocken beisteuerte: „Guten Tag, Bitte, Danke, mein Gott!” „Mein Gott!” antwortete Igor lächelnd, immer noch unter Tränen. „Du gut!” fügte er dann hinzu und schaute Slupetzky liebevoll an.

Am Hauptbahnhof angekommen, schleppte er Igor zur Wartezone im Erdgeschoss. Dort fand Slupetzky zwei freie Plätze und setzte Igor mühselig auf den ersten. Auf dem Weg dorthin hatte er die Obdachlosenhilfe angerufen und erfahren, dass diese erst am Abend ihren Dienst aufnehmen würde. Also sah sich Slupetzky nach Sicherheitspersonal um. „Igor, warte, bitte, hier!” sagte Slupetzky und deutete ihm, dass er kurz zu den Sicherheitsleuten gehen wollte. Igor nickte erleichtert.

Der zuständige Angestellte war außerordentlich freundlich. Er erklärte Slupetzky, dass Igor in der Wartezone bleiben könne, wenn er sich ruhig verhalten würde. Er machte Slupetzky jedoch darauf aufmerksam, dass der Schaffner des Zuges nach Liberec Igor die Fahrt aufgrund seines Zustandes verweigern könnte. Slupetzky vereinbarte mit ihm, dass er Igor in zwei Stunden, nach seinem Termin, wieder abholen würde und gab dem Angestellten seine Telefonnummer für den Notfall. Als Slupetzky Igor die Situation erklärte, begann dieser zu strahlen. Slupetzky zeigte auf seine Uhr, zeigte Igor drei Finger und sagte: „Um drei Uhr bin ich wieder da!” Bei der Verabschiedung umarmte Igor ihn innig und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann machte Slupetzky sich, weit verspätet, auf den Weg zu seinem Treffen.

Als er nach dem Termin wieder zum Hauptbahnhof zurückkehrte, war Igor verschwunden. Slupetzky rief den Sicherheitsbeamten an, um sich zu erkundigen. Dieser erklärte ihm, dass Igor bereits um zwei Uhr nicht mehr da war. Mehr wisse er nicht von ihm. Nun stand Slupetzky da, mitten am Hauptbahnhof, mitten in der Wartezone, ganz alleine, und spürte eine Tafel Schokolade in seiner Jacke. Igor hatte sie ihm bei der Verabschiedung in die Tasche gesteckt. Es war sein erstes Weihnachtsgeschenk.

peterwurm.wordpress.com

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