Der Preis des Dritten Weltkriegs

Soeben haben die Taliban die USA besiegt. Im “Westen” fragen sich nun viele, wie das kommen konnte. Hier ist meine Antwort darauf. Beginnen wir die Geschichte von vorne:

Der Mai des Jahres 2000 war ein schöner Monat. Die Welt hatte gerade die Jahrtausendwende hinter sich gebracht, in Washington D.C. regierte Bill Clinton im letzten Jahr seiner Amtszeit, in Moskau Wladimir Putin in seinem ersten, in Europa waren Gerhard Schröder, Jaques Chirac und Tony Blair an der Macht und in Peking Jang Zemin. In Texas bereitete Gouverneur George W. Bush seine Kandidatur zur Präsidentschaft vor und in Tennessee Vizepräsident Al Gore die seine. Der Ölpreis begann zu steigen und erreichte den höchsten Wert seit zehn Jahren.

Kurze Zeit später befand sich die Welt im Krieg. Die Präsidentschaftswahl in den USA wurde, erstmals in der Geschichte, durch einen Spruch des Obersten Gerichts entschieden, es folgten die Attentate des 11. September, und Präsident Bush erklärte den Krieg gegen Afghanistan und den Irak. Waren ihm in Afghanistan noch seine NATO-Partner in den Krieg gefolgt, so wurde das Bündnis im Krieg gegen den Irak zerrissen. Tony Blair, “Bush’s poodle”, stand fest an seiner Seite, während Gerhard Schröder und Jaques Chirac von den USA abfielen. “Mr. President, I am not convinced”, meinte der deutsche Außenminister Joschka Fischer vor der UNO, als die Geheimdienste der USA angebliche Beweise für die Existenz von “Massenvernichtungswaffen” im Irak vorlegten.

Am 20. März 2003 begannen die USA den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak mit nächtlichen Luftangriffen auf Bagdad. Am 9. April war Iraks Staatschef Saddam Hussein gestürzt und am 1. Mai erklärte Präsident Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln die Mission für erfüllt. Am 13. Dezember wurde Saddam Hussein in einer versteckten Erdhöhle gefasst und drei Jahre später hingerichtet.

Warum?

Blicken wir zehn Jahre zurück. Am 2. August 1990 überfiel der Irak unter seinem Staatschef Saddam Hussein seinen kleinen Nachbarn, das Emirat Kuwait und verleibte sich dieses als seine 19. Provinz ein. Auf Initiative der USA unter ihrem Präsidenten George H.W. Bush, dem Vater von George W. Bush, bildete sich unter dem Dach der UNO eine Koalition, um Kuwait zu befreien.

Das benachbarte Königreich Saudi-Arabien, der größte Erdölexporteur der Welt, fürchtete, das nächste Opfer Saddam Husseins zu werden. Daher konsultierte König Fahd die höchste Geistlichkeit des Landes, um zu beraten, ob Ungläubige die heiligsten Stätten des Islam beschützen dürften. Nachdem der Scheich zugestimmt hatte, lud König Fahd die internationale Allianz unter der Führung der USA ein, ihre Truppen im Königreich zu stationieren. Am 17. Januar 1991 erfolgte der Angriff zur Befreiung Kuwaits. Nach 42 Tagen, am 28. Februar, war die Operation “Desert Storm” beendet, Kuwait war befreit.

Das Mandat der UNO billigte zwar die Befreiung Kuwaits, nicht aber den Sturz Saddam Husseins. Dies war die Bedingung der Volksrepublik China und der Sowjetunion, diesen Krieg überhaupt im UN-Sicherheitsrat zu legitimieren. Es war die größte militärische Allianz seit dem Zweiten Weltkrieg. Kuwait und Saudi-Arabien zahlten mehr als die Hälfte der 60 Milliarden US-Dollar teuren Kosten.

Die einzige Möglichkeit für ein kleines Emirat am Persischen Golf und ein Königreich in der arabischen Wüste, diese horrende Summe zurückzuzahlen besteht darin, Erdöl zu exportieren. Zum Glück ist Saudi-Arabien der größte Erdöl-Exporteur der Welt. Betrachten wir diese Geschichte:

Saudi-Arabien ist das größte Land im Nahen Osten mit der zweitgrößten Bevölkerung der arabischen Welt. Es beherbergt mit Mekka und Medina die heiligsten Stätten des Islam. Im Jahr 1932 wurde es unter König Abdulaziz Ibn Saud zum Königreich. Es ist eine absolute Monarchie des wahabitischen Islam der sunnitischen Glaubensgemeinschaft. Im März 1938 wurde in Saudi-Arabien Erdöl entdeckt und ab 1941 in Kooperation mit den USA gefördert.

Im Zweiten Weltkrieg verhielt sich Saudi-Arabien neutral, erklärte jedoch 1945 dem Deutschen Reich den Krieg und wurde so Gründungsmitglied der UNO. Als Protest gegen die Unterstützung Israels durch die USA und ihre Verbündeten im Jom-Kippur-Krieg 1973 verhängte das Land gegenüber diesen Ländern ein Erdöl-Embargo, was eine weltweite Wirtschaftskrise auslöste. Nach der islamischen Revolution im Iran unterstützte das sunnitische Saudi-Arabien den Irak unter Saddam Hussein gegen Ayatollah Ruhollah Khomeinis schiitischen Iran im Iran-Irak-Krieg, dem ersten Golfkrieg, mit 25 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 1991, beim zweiten Golfkrieg, jedoch war Saudi-Arabien bei der Befreiung Kuwaits ein Gegner des Irak.

Der weltweit bekannteste Saudi war Osama bin Laden, der die Anschläge des 11. September 2001 organisierte, aber schon seit 1994 kein Staatsbürger Saudi-Arabiens mehr war und seit 1996 in Afghanistan lebte. Getötet wurde er jedoch durch die US-Navy Seals unter dem Oberkommando von Präsident Barack Obama im Mai 2011 in Pakistan.

In Afghanistan hatte Saudi-Arabien seit 1994 die Taliban unterstützt, eine wahabitische Kampftruppe des sunnitischen Islam. Die Taliban waren als “Glaubensschüler” aus den afghanischen Kämpfern der Mujaheddin hervorgegangen und somit erstens Gegner des schiitischen Iran und zweitens Widerstandskämpfer gegen die sowjetische Besatzungsmacht. Diese hatte unter der Führung von Staats- und Parteichef Leonid Breschnjew Afghanistan seit dem 24. Dezember 1979 okkupiert. Die Sowjetunion wurde dabei von Ostdeutschland militärisch und von Indien humanitär unterstützt, die Taliban als Teil der Mujaheddin von den USA, China und Großbritannien, von Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan, sowie von Israel und Westdeutschland. Die Sowjetunion verließ unter Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow Afghanistan am 15. Februar 1989. Neun Monate später, am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer.

Betrachten wir diese Geschichte nun aus einer anderen Perspektive, aus der Sicht Europas:

Als Ronald Reagan im Januar 1981 an die Macht kam, stand der US-Dollar bei 1,97 Deutschen Mark. Als Reagan vier Jahre später seine Wiederwahl gewonnen hatte, stand derselbe US-Dollar bei 3,17 D-Mark. Das entspricht einer Aufwertung von 61 Prozent. Für Europäer war das bedenklich, weil sich US-Amerikanische Güter um mehr als die Hälfte verteuerten.

Beim Amtsantritt Ronald Reagans im Januar 1981 stand derselbe US-Dollar bei 2,03 Argentinischen Pesos. Bei seiner Wiederwahl vier Jahre später stand der US-Dollar bei 266,00 Argentinischen Pesos. Das entspricht einer Aufwertung von 13.000 Prozent. Für Lateinamerika war das vernichtend, weil sich US-Amerikanische Kredite um das 130fache verteuerten.

Nur vier kurze Monate später, im Mai 1985 stand der US-Dollar bereits bei 557,50 Argentinischen Pesos. US-Amerikanische Kredite hatten sich um das 270fache verteuert. Argentinien brach zusammen. Lateinamerika war besiegt.

Als Ronald Ronald Reagan im Januar 1989 aus dem Amt schied war der US-Dollar schon wieder auf 1,76 D-Mark gesunken. US-Amerikanische Güter und Kredite wurden immer billiger.

Ein gutes Jahr später, am 10. Dezember 1990, dem Tag der Nobelpreisverleihung und der Menschenrechte, erreichte der US-Dollar mit 1,46 D-Mark seinen historischen Tiefststand. Deutschland war wiedervereinigt, der Kommunismus zusammengebrochen. Ronald Reagan hatte seine Aufgabe erfüllt.

USD:DEM

Seit der internationalen Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 ist der US-Dollar die Leitwährung der Welt, in der alle weltweiten Geschäfte abgerechnet werden. Wenn also ein Europäer auf irgendeinen anderen Kontinent Geld überweist, dann geschieht das immer über die Umrechnung in US-Dollar. Selbst wenn ein Deutscher, Österreicher oder Slowake einem Polen, Tschechen oder Ungarn Euro überweist, oder ein Niederländer oder Finne einem Dänen oder Schweden, oder ein Slowene oder Kroate an einen Serben oder Bosnier, oder ein Grieche oder Zypriote an einen Bulgaren oder Rumänen, dann geschieht das immer über den Umweg des US-Dollar. Das gilt nicht nur für Europäer, sondern für jeden Menschen auf der Welt. Jede internationale Transaktion wird immer über den US-Dollar gegengerechnet.

Für diese einzigartige Macht über das Weltfinanzsystem haben sich die USA in Bretton Woods an der US-Ostküste im Jahr 1944 verpflichtet, den Wert des US-Dollar mit dem Gegenwert in Gold zu decken. Das legendäre Fort Knox im US-Bundesstaat Kentucky war der wichtigste Aufbewahrungsort für die Goldreserven der USA. Bis 1944 hatten alle Staaten der Welt ihre Währungen selbst mit Gold gedeckt. Seit dem absehbaren Ende des Zweiten Weltkriegs ging diese Verantwortung allein auf die USA als Siegermacht über. Jedes Land erhielt dafür das Recht, seine Reserven an US-Dollar jederzeit gegen einen fixen Goldpreis eintauschen zu können.

Knapp drei Jahrzehnte später, Anfang der 1970er Jahre, regierte in Washington D.C. Richard Nixon als US-Präsident. Er hatte mit großen Krisen zu kämpfen, insbesondere mit dem Krieg in Vietnam und der daraus folgenden drohenden Inflation, der Geldentwertung. Aufgrund der horrenden Kriegskosten geriet der US-Dollar stark unter Druck, das Leben in den USA verteuerte sich zusehends.

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle hatte bereits im Februar 1965 erklärt, die französischen Währungsreserven in US-Dollar gegen den fixen Gegenwert in Gold eintauschen zu wollen. Nach sechs Jahren voller Spannungen, in denen Frankreich auch seine NATO-Mitgliedschaft ruhend stellte, reagierte Richard Nixon am 15. August 1971, indem er mit einen Dekret die Goldbindung des US-Dollar aufhob. Es war der größte Vertragsbruch der Geschichte.

Hier der Gegenwert des US-Dollar in Gold:

Weitere dreißig Jahre nachdem Richard Nixon, in die Wirren des Vietnamkriegs verwickelt, den US-Dollar real wertlos gemacht hatte, rief US-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen des 11. September 2001 zu einem erneuten Krieg, diesmal gegen Afghanistan und den Irak.

Wenn man verstehen will, wieso sich der französische Präsident Jaques Chirac gemeinsam mit dem Deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder der US-Amerikanischen “Koalition der Willigen” gegen den Irak nicht anschloss, dann sollte man diese Vorgeschichte kennen. Frankreich war von den USA betrogen worden, und mit Charles de Gaulle die gesamte restliche Welt.

Der Krieg gegen Afghanistan war ja vielleicht noch verständlich, schließlich wusste man, dass der Drahtzieher der Attentate auf das World Trade Center und das Pentagon, Osama bin Laden, sich in Afghanistan verschanzte. Zumindest glaubte man, dies zu wissen. Aber warum Saddam Hussein?

Blicken wir also auf den Chart des US-Dollar (USD) gegenüber dem Saudi-Arabischen Riyal (SAR). Was sehen wir?

Wir sehen zu Beginn (links oben) dasselbe Phänomen wie im Chart des US-Dollar gegenüber dem Gold. Wir sehen eine flache Linie. Was bedeutet das? Die flache Linie bedeutet, dass sich der SAR fest an den USD gebunden hat. Wir kennen dieses Phänomen aus Europa, wo sich in der Nachkriegszeit verschiedene Nachbarländer Deutschlands fest an die Deutsche Mark (DEM) gebunden haben.

Hier sehen wir die Bindung des österreichischen Schilling (ATS) an die D-Mark:

Österreich hatte seine Währung, den Schilling, von Anfang an sehr eng an die Bundesrepublik Deutschland gebunden. Das geschah aus einer ganz einfachen Überlegung heraus. Aufgrund der wirtschaftlich engen Verflechtung sollte sich jeder Österreicher (und jeder Deutsche) darauf verlassen können, dass das Geld einen bestimmten Wert hatte. In den 1970er Jahren wusste, unter der Regierungszeit von Bundeskanzler Bruno Kreisky, jedes Kind: “Sieben Schilling sind eine Mark.” 1985 wurde diese Parität auf 7,5 Schilling angehoben, das heißt, der Schilling wurde gegenüber der D-Mark nochmals abgewertet. Kurt Waldheim und Jörg Haider waren im Jahr darauf der politische Preis. Als der Kommunismus in Europa zusammengebrochen und Deutschland wiedervereinigt war, da wurde die Parität von 1:7 wieder hergestellt. Bei der Einführung des Euro wurde sie fixiert.

Vordergründig geht es in der Politik um alles Mögliche. Im Hintergrund geht es immer um Geld. “It’s the economy, stupid”, wie es im siegreichen Wahlkampf von Bill Clinton 1992 gegen Amtsinhaber George H.W. Bush hieß. Was aber ist “the economy”? Es geht rein um’s “Geld”. Und “Geld” ist nichts anderes als Vertrauen. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Die Wirtschaftsbeziehung zwischen Österreich und Deutschland ist ein schönes Beispiel dafür.

Betrachten wir also nochmals das Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien. Betrachten wir das Verhältnis ihrer “economies”. Betrachten wir das Verhältnis von US-Dollar (USD) und Saudi-Arabischem Riyal (SAR). Betrachten wir ihr Verhältnis zum “Geld”:

Dieser Chart ist leicht erklärt: Saudi-Arabien verpflichtete sich von Anfang an, sein Erdöl nur in US-Dollar abzurechnen und den Riyal an den US-Dollar zu binden. Daher ist das Verhältnis zwischen USD und SAR von Anfang an so fix wie das Verhältnis zwischen den Ländern der Eurozone. Es ändert sich nicht und zeigt daher eine schnurgerade Linie auf immer derselben Höhe.

Zu Beginn der 1970er Jahre geht die stabile Nachkriegszeit endgültig zu Ende. Am 15. August 1971 löst US-Präsident Richard Nixon die Goldbindung des USD mit einem Federstrich auf. Am 6. Oktober 1973 überfallen 12 arabische Staaten unter der Führung von Ägypten und Syrien mit der Unterstützung der Sowjetunion, von Ostdeutschland, Kuba und Nordkorea am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur den jungen Staat Israel, der seit 1967 zusätzlich das Westjordanland und den Sinai, sowie die Golanhöhen besetzt hält. Israel wird einzig von den USA unterstützt.

18 Tage später endet der Krieg mit dem Sieg Israels. Saudi-Arabien verhängt ein Öl-Embargo gegen die USA und ihre Verbündeten. Am 9. August 1974 muss US-Präsident Richard Nixon im Zuge des Watergate-Skandals zurücktreten. Sein Vizepräsident und Nachfolger Gerald Ford verliert ein knappes Jahr später mit dem Fall von Saigon am 30. April 1975 den Krieg in Vietnam. Im November 1976 verliert er danach noch die Wahl gegen seinen demokratischen Herausforderer Jimmy Carter.

Der Fall des US-Dollars gegen den Riyal endet erst im Jahr 1979 mit der islamischen Revolution im Iran, dem Sturz des Schah und der Vertreibung der USA aus Persien nach der Geiselnahme der Mitarbeiter der US-Botschaft. US-Präsident Jimmy Carter verliert im November 1980 die Wahl gegen seinen republikanischen Herausforderer Ronald Reagan. Der Fall des USD nimmt ein Ende.

Kurz zuvor begann am 22. September 1980 der Krieg zwischen dem sunnitisch-schiitisch gemischten Irak unter Saddam Hussein gegen den schiitischen Iran des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini. Im Jahr darauf, am 6. Oktober 1981, dem achten Jahrestag des Jom-Kippur Krieges, wird der ägyptische Präsident Anwar al Sadat, der noch unter der Ägide von US-Präsident Carter im Jahr 1978 mit Israel den Frieden von Camp David geschlossen hatte, von Soldaten der ägyptischen Armee bei einer Parade ermordet. Sein Nachfolger als Präsident wird sein Stellvertreter Hosni Mubarak, der mehr als 30 Jahre lang regiert und erst im Februar 2011 im Zuge der Aufstände des “Arabischen Frühlings” gestürzt wird. Der Krieg in Afghanistan dauert da schon knapp zehn Jahre.

Am 20. August 1988 endet der Erste Golfkrieg mit dem Sieg beider Seiten. Bis zu eine Million Menschen verloren dafür ihr Leben. Die USA, die Sowjetunion und die Volksrepublik China hatten dabei beide Seiten unterstützt. Drei Monate später wird US-Vizepräsident George H.W. Bush zum Nachfolger von Präsident Ronald Reagan gewählt. Die Abwertung und Aufwertung des US-Dollar gegenüber dem Saudi-Arabischen Riyal kommt zum Stillstand. Ab sofort ist der Wechselkurs wieder stabil.

Um die Stabilität einer Währung zu verstehen, blicken wir wieder zurück nach Europa. “Stabilität” heißt nichts anderes, als dass man sich darauf verlassen kann. Worauf muss man sich bei “Geld” verlassen können? Man muss sich darauf verlassen können, dass man in der nächsten Zeit mit seinem “Geld” auch das noch erhält, was man jetzt erhält. Es gibt viele Berechnungen in der Ökonomie, wie man die Stabilität eines Geldes misst. Das Prinzip ist aber immer dasselbe: Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Das Gegenteil von Stabilität ist “Inflation”, die Geldentwertung.

Am 7. Februar 1992, zwei Jahre nach der Deutschen Wiedervereinigung, unterzeichneten die 12 Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft im Niederländischen Maastricht den Gründungsvertrag der Europäischen Union. Zentraler Bestandteil dieses Vertrags war die Gründung einer Wirtschafts- und Währungsunion. (“It’s the economy, stupid!”) Es ging dabei um die Kriterien für die Stabilität, eben um die gemeinsamen Abmachungen, sich aufeinander verlassen zu können.

Ein halbes Jahr später war das gemeinsame Europa bereits wieder Geschichte. Am 16. September 1992 spekulierte eine Bande von Investoren unter der Führung des US-Amerikaners George Soros das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland aus der Europäischen Union. Dieser Tag ist als “Black Wednesday” in die Geschichte eingegangen.

An jenem Mittwoch wurde das Britische Pfund aus dem Europäischen Währungsverbund hinauskatapultiert. Der Chart in jenem Halbjahr zeigt folgendes Bild:

Wir sehen, dass der US-Dollar (USD) ab jenem Mittwoch gegenüber dem Britischen Pfund (GBP) massiv an Wert zulegt. War das Britische Pfund zuvor stabil im europäischen Währungsverbund verankert, fällt das GBP ab jenem Moment ins Bodenlose, und dies im freien Fall gegenüber allen anderen Währungen und Gütern. Das Pfund hat seine Verlässlichkeit verloren, die Preise schnellen in die Höhe, es kommt zur Inflation. Wir sehen dies in allen Charts jenes zweiten Halbjahres 1992.

zum US-Dollar
zum Euroraum
zu Deutschland
zu Frankreich
zu Irland
zur Schweiz
zu China
zu Gold

Man kann den dahinterstehenden Mechanismus, den die Investoren anwendeten, weltweit studieren. Hunderte Millionen von Menschen beschäftigen sich mit dieser Materie, um selbst an Geld zu kommen. Ich möchte mich hier nur auf eine kurze Andeutung beschränken:

USD:CNY

Und damit sind wir von Europa wieder in der Welt zurück. Dasselbe Phänomen, das wir am “Black Wednesday” im Chart des Chinesischen Yuan (CNY) gesehen haben, diesen kurzen Einschnitt im Wechselkurs, sehen wir im Chart des Saudi-Arabischen Riyal zwischen den Jahren 1986 und 2000 immer wieder. Was bedeuten diese Ausschläge?

Saudi-Arabien hatte seine Währung im Zuge des Ersten Golfkriegs zwischen dem Iran und dem Irak mittels sogenannter “Sonderziehungsrechte” an den Internationalen Währungsfonds (IWF) gebunden. Der IWF ist jene Vereinigung von derzeit 189 Ländern, die im Zuge der Finanzkrise in Europa insbesondere auch in Griechenland und Zypern aktiv wurde. Seit den 1980er Jahren war der IWF vor allem in Lateinamerika tätig geworden. Der IWF war 1945 in der Folge von Bretton Woods eingerichtet worden, um Ländern im Fall von Zahlungsschwierigkeiten beizustehen.

In der Praxis bedeutete das die Bindung des Saudi-Arabischen Riyal an den US-Dollar. Für die USA war das hilfreich, weil der Preis des Erdöls dadurch für den Dollarraum stabil und berechenbar wurde. Für die restliche Welt bedeutete das die Abhängigkeit von Erdöl in USD. Statt dem Goldstandard hatte man nun einen Erdölstandard. Die Allianz zwischen dem Wert und dem Preis, zwischen Saudi-Arabien und den USA wurde weltbeherrschend.

Wenn wir den Chart USD:SAR betrachten, so sehen wir zwischen 1988 und 2000 immer wieder Kursausschläge, wie wir sie am “Black Wednesday” auch im Kurs des Chinesischen Yuan zum US-Dollar USD:CNY gesehen haben. Der letzte dieser Kursausschläge erfolgt im Jahr 2000, im Jahr der US-Amerikanischen Präsidentschaftswahl zwischen George W. Bush und Al Gore, ein Jahr vor Nine-Eleven.

Die Allianz zwischen dem größten Erdölproduzenten der Welt, dem Königreich Saudi-Arabien, und dem größten Erdölkonsumenten, den Vereinigten Staaten von Amerika, dieser neue Erdölstandard, gefiel nicht jedem. Insbesondere betraf dies auf der Produzentenseite die anderen Erdöl exportierenden Länder, die sich im Rahmen der OPEC zusammengeschlossen hatten. Die OPEC war 1960 in Bagdad gegründet worden und hatte seit 1965 ihren Sitz in Wien, das als Hauptstadt des neutralen Österreich zwischen den Machtblöcken von Ost und West lag.

Auf Konsumentenseite betraf diese neue Allianz zwischen den USA und Saudi-Arabien de facto alle Staaten der Welt. Ein spezielles Problem ergab sich für die Sowjetunion, den größten Erdgasproduzenten der Welt. Durch die enge Bindung des Preises von Erdgas an den Erdölpreis war man nun in finanzieller Abhängigkeit von den USA. Es war Juni 1988. Im darauffolgenden Februar zog sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurück und im Herbst desselben Jahres aus Osteuropa.

Seit 1988 haben wir also den Erdölstandard auf der Welt, der die preisliche Basis für alle weltweiten Güter und Dienstleistungen bildet. Bis ins Jahr 2000 sehen wir jedoch immer wieder Ausschläge aus diesem Kurs:

Betrachten wir also nun den letzten Kursausschlag aus dieser Zeit. Er stammt aus dem Jahr 2000. Es ist Mai. In den USA bereiten gerade George W. Bush und Al Gore ihre Kandidatur zum Präsidenten der USA vor. Es ist das Jahr vor Nine-Eleven.

Wenn wir diesen Kursausschlag näher heranzoomen, dann sehen wir folgendes Bild:

Genau am 29. Mai 2000 fällt der Kurs des USD plötzlich von 3,75 SAR auf 3,70 SAR. Am nächsten Tag ist er wieder auf dem angestammten Kurs. Technisch ist ein solcher Kurssturz leicht zu bewerkstelligen, indem man USD verkauft und SAR kauft. Man muss nur genug Geld dafür haben. Auch ist eine solche Abweichung nicht viel, in diesem Fall beträgt sie -1,33 Prozent. Und am nächsten Tag ist wieder alles in Ordnung.

Blicken wir auf die Auswirkungen dieses kleinen Manövers, blicken wir auf den Ölpreis:

In der langjährigen Graphik des Ölpreises ist der 29. Mai 2000 ein winzig kleiner Ausschlag im Laufe der Geschichte. Doch er war entscheidend. Blicken wir auf die Nachbarn von Saudi-Arabien, betrachten wir den Nahen Osten:

Kuwait
Jordanien
Ägypten
Libyen
Iran
Pakistan
Afghanistan
Libanon
Israel
EU

In allen Nachbarstaaten Saudi-Arabiens, im gesamten Nahen Osten fiel zu jener Zeit der US-Dollar, selbst im Iran, Pakistan und Afghanistan, auch im Libanon und in Israel, sowie in Europa. Alle Währungen dieser Länder wurden aufgewertet. Alle?

Um es kurz zu machen: Wer verstehen will, wie Kriege entstehen, der muss Börsencharts lesen können. In zwei Ländern kam es an jenem Tag zum gegenteiligen Effekt, zwei Länder mussten ihre Währung massiv abwerten:

Syrien
Irak

Am anderen Ende der Welt, in Venezuela, hatte gerade Hugo Chavez die Wahl zum Präsidenten gewonnen. Venezuela ist das einzige südamerikanische Land, das zur Gänze auf der Nordhalbkugel liegt, ein wichtiger Exporteur von Erdöl und Gründungsmitglied der OPEC. Hugo Chavez war der Held der armen Bevölkerung und den USA ein Dorn im Auge.

Wir erinnern uns an das Schicksal Argentiniens Mitte der 1980er Jahre. Dieselbe Katastrophe erreichte nun Venezuela. An jenem 29. Mai 2000 wurde Venezuela der Krieg erklärt:

Venezuela

Man braucht keine Waffen, um Kriege auszulösen. Wer an zwei Standorten in der Welt, der Wall Street in New York und in der City of London, vier Währungen (USD, CAD, AUD, GBP) kontrolliert, der kann die Welt in den Abgrund führen.

Und was sahen die Deutschen an jenem Tag in ihren Abendnachrichten?

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-707583.html

Was an jenem 29. Mai 2000 begonnen hat, das wurde kurz darauf zum Weltkrieg. In der “Finanzkrise” des Jahres 2008 weitete sich dieser Krieg auch auf Europa aus. Dass Europa diesen Krieg gewonnen hat, verdanken wir vor allem einem Menschen:

Der italienische Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, hielt am 26. Juli 2012 die vielleicht wichtigste Rede der europäischen Geschichte. In der City of London erklärte er in mittlerweile berühmten zwei Sätzen, dass Europa alles tun wird, um diesen Angriff zu überstehen:

https://youtu.be/tB2CM2ngpQg

Aus dieser europäischen Perspektive blicken wir noch einmal zurück auf den “Black Wednesday” von 1992, an dem das Vereinigte Königreich (ein Vierteljahrhundert vor dem “Brexit”) die Europäische Union verlassen musste. Zum Abschluss nur noch ein kleiner Hinweis dazu:

USD:GBP
USD:CNY
USD:SAR

Am 15. August 1971 hat Richard Nixon mit einem Federstrich die Geldentwertung seines Landes auf die gesamte Welt übergewälzt. Genau 50 Jahre später, am 15. August 2021, ist dieser Prozess mit dem Fall von Kabul nun zu seinem Ende gekommen.

AFA:USD

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