Artikel zum Thema „Krieg und Frieden” für den „Zusammenhang”, die Zeitung der Caritasgemeinde Wien:

Ein Ameisenhaufen namens Welt
Vor langer Zeit hörte ich einmal eine Anekdote, die angeblich auf den Talmud zurückgeht: Wir haben einen Mantel mit zwei Taschen. In jeder Tasche befindet sich eine Nachricht. Die erste Nachricht lautet: „Du bist ein Staubkorn im Universum.“ Die zweite heißt: „Das Universum wurde nur für Dich erschaffen.” So leben wir Menschen in unserem Universum, hin und her gebeutelt von diesen beiden Polen.
Da kommt mir gleich der große Garten meiner Eltern in Klosterneuburg in den Sinn. Dort gab es, mitten auf einer der Wiesen, einen riesigen Ameisenhaufen. Ich besuchte ihn als Kind immer wieder, wenn ich über die Wiesen spazierte. Oft blieb ich davor stehen und beobachtete diese Kolonie der großen Waldameisen. Dabei war es außerordentlich schwierig, ja fast unmöglich, inmitten des Haufens eine einzige Ameise zu verfolgen. Kaum hatte ich eine in den Blick genommen, hatte ich sie, kurze Zeit später, inmitten der Menge schon wieder aus den Augen verloren. Wichtig war das große Ganze.
Ich erinnere mich auch an ein paar kleine Experimente, die ich mit diesem Ameisenhaufen anstellte. Am eindrucksvollsten ist mir dabei im Gedächtnis geblieben, als ich einmal einen Ast nahm, ihn auf den Haufen legte und die Ameisenkolonie damit in zwei Hälften teilte. Augenblicklich begann sich die Kolonie zu verändern. War das Ameisenvolk zuvor ein Ganzes gewesen, so war es ab diesem Augenblick geteilt. Es formierte sich im selben Moment in zwei Völker, die durch den Ast getrennt waren.
Als ich nach einigen Minuten den Ast aus der Mitte wieder entfernte, veränderte sich jedoch zunächst gar nichts. Es brauchte viele weitere Minuten, bis sich die ersten Ameisen aus ihrer Hälfte über die frühere Grenze wagten. Und es dauerte unglaublich lange, bis sich die zwei Völker wieder vereinigt hatten. Erst am nächsten Morgen war alles wieder wie zuvor.
Ich sehe es so: Genauso wie den Klosterneuburger Waldameisen geht es uns Menschen auf unserer Erde. Unser Planet hat, wie unser Gehirn, zwei Hälften. Die linke Gehirnhälfte ist der sogenannte „Westen“, der Okzident des Sonnenuntergangs, das helle Yang. Die rechte Gehirnhälfte ist der sogenannte „Osten“, der Orient des Sonnenaufgangs, das dunkle Yin. Der Ast in der Mitte, der die beiden Gehirnhälften verbindet, der Corpus Callosum, ist der Römische Meridian. Dieser geht auf unserer Erde ganz genau durch das Pantheon in Rom, die älteste erhaltene Kirche der Welt. Es ist die Mittellinie unseres Planeten.
Alle vierhundert Jahre wechselt die Energie auf unserer Erde von einer Hälfte zur anderen. Waren die letzten vier Jahrhunderte „westlich“ dominiert, so werden die nächsten vier Jahrhunderte „östlich“ geprägt sein. Das helle Yang wechselt in das dunkle Yin. Die Vorherrschaft unserer linken Gehirnhälfte wird durch die rechte Gehirnhälfte abgelöst. Unsere Erde, unser großer Ameisenhaufen, wird gewaltig durcheinander gebeutelt. Wir Ameisen sind vor den Kopf gestoßen und verwirrt. Es herrscht Chaos und Krieg, insbesondere hier, in der Mitte unserer Welt.
Diese gewaltige Veränderung macht Angst. Alles, was wir seit Langem gewohnt waren, scheint auseinander zu brechen und unterzugehen. Alles wird teurer, unser Geld ist nichts mehr wert, Vieles funktioniert nicht mehr wie früher, von der Bahn bis zu den Sozialsystemen. Ganz Europa rüstet für den Krieg. Es droht ein neues Mittelalter.
Was spendet uns Trost in diesen dunklen Zeiten? Ganz sicherlich der Liebe Gott. Gott weiß schon, was er tut und zulässt. Er weiß, dass jede Veränderung durch ein Tal der Tränen geht. Kein Ostersonntag ohne Karfreitag, so schlimm das auch ist. Und er schickt uns immer wieder seine Heiligen, die uns für alle Zeiten Vorbilder geworden sind.
Als vor 800 Jahren der damalige „Westen“, das Römisch-Deutsche Reich, unter Druck geriet und die Mongolen aus dem Osten bis nach Europa vorstießen, da schickte Er uns Franz von Assisi als leuchtendes Vorbild. Und weitere 800 Jahre zuvor, als der antike „Westen“, das Weströmische Reich, zusammenbrach und die Hunnen bis nach Europa kamen, da schickte Er uns Augustinus von Hippo als ersten großen Lehrer seiner Kirche.
Wenn wir wie Augustinus „Die Wahrheit in Liebe leben“ und wie Franziskus „Seine Kirche wieder aufbauen”, dann haben wir es verstanden. Unser letzter Papst nannte sich Franziskus, und unser neuer Papst Leo ist Augustiner. Zufälle gibt’s…
Wir Christen sind Hoffnungsträger. Wir sind es, weil wir nicht nur daran glauben, dass es gut ausgeht, wir vertrauen mit ganzem Herzen darauf. So schlimm der Karfreitag auch ist, es gibt einen Ostersonntag. Es ist wie in der Musik. Jedes Musikstück mag seine Dissonanzen haben, die die Spannung erzeugen. Aber jedes Musikstück geht gut aus. Jedes einzelne Musikstück endet in einem wunderschönen Schlussakkord. So auch auf unserem Ameisenhaufen namens Welt. Wir sind Staubkörner im Universum. Und dennoch wurde es nur für uns erschaffen. Ganz genau so, wie es ist.
Alle 800 Jahre dasselbe Theater, mit all seinen Tragöden, all seiner Not, all seinen Konflikten und Kriegen. Der „Westen” geht unter, der „Osten” geht auf. Der „Logos“ der linken Gehirnhälfte wird vom „Mythos” der rechten Gehirnhälfte abgelöst. Auf das helle Yang folgt das dunkle Yin. Es geht gut aus, darauf dürfen wir mit ganzem Herzen vertrauen. Gott schickt uns seine Zeichen, denn Er verbindet beide Hälften, Er ist das große Ganze. Wie es im Johannes-Evangelium bereits heißt:
„Im Anfang war der Logos, und der Logos war beim Mythos, und der Logos war der Mythos. Im Anfang war alles beim Mythos.”
(Joh 1,1-2, Der Prolog)
Der Rest steht in der Bibel. Fragt Augustinus und Franziskus!
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