An der Himmelstüre

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den strahlend blauen Sommerhimmel. Er dachte an seinen alten Vater, der vor Kurzem verstorben war. Diesem hatte er zu seinem Begräbnis noch folgende Anekdote über den Himmel mitgegeben:

„Papi, es gibt im Christentum eine Legende: Wenn Du gestorben bist und vor der Himmelstüre stehst, dann wirst Du anklopfen. Und Petrus wird die Türe einen Spalt öffnen und Dich fragen, ob Du würdig bist, einzutreten. Und Du wirst Petrus Deine guten Werke vortragen, um zu beweisen, dass Du würdig bist. Und Petrus wird Dir geduldig zuhören. Und wenn Du fertig gesprochen hast, dann wird Dich Petrus anschauen. Und er wird Dir genau eine Frage stellen: Gibt es dafür einen Zeugen?

Und dann, Papi, beruf’ Dich auf uns.“

(Rede am Grab meines Vaters)

Nun also war sein Vater da oben im strahlend blauen Himmel und passte von dort auf ihn und seine Liebsten auf. Als Slupetzky so in den wunderschönen offenen Himmel blickte, läutete sein Telefon. Er nahm den Anruf an, und sogleich meldete sich eine sonore Stimme: „Grüß Gott, spreche ich mit Slupetzky?” Nachdem Slupetzky dies bejaht hatte, setzte die Stimme fort: „Ich bin Petrus und melde mich von der Himmelstüre. Herzliche Grüße von Ihrem Vater und von Papst Johannes Paul, Ihrem Heiligen Vater und Freund Giovannipaolo.” Slupetzky bedankte sich hoch erfreut, während sich eine kleine Wolke vor die Sonne schob. 

Die Stimme sprach weiter und erklärte: „Slupetzky, mein Anliegen ist folgendes: Gerade steht Ihre Mutter hier an der Himmelstüre, in Begleitung ihres Lebensgefährten. Sie haben mir ihre guten Werke erzählt und ihre Sünden gebeichtet. Und als ich sie nach einem Zeugen für ihre guten Taten gefragt habe, da haben beide Sie genannt. Und so bitte ich Sie jetzt um Ihre Zeugenschaft.“

Slupetzky atmete tief durch. Solch ein Anruf bereits am späten Vormittag? Was würde der Tag sonst noch bringen? Er fragte die Stimme: „Und was soll ich bezeugen?“ Die Stimme setzte fort: „Wissen Sie, Slupetzky, wir haben hier keine detaillierten Verträge mit ausgefeilten kleingedruckten Klauseln. Die gibt es nur unten in der Hölle. Bei uns geht es einzig um die ganz simple und prinzipielle Frage: Sind Sie würdig einzutreten?”

Slupetzky kratzte sich nachdenklich am Kinn: „Und warum fragen Sie da gerade mich?” „Wir konnten niemanden erreichen, leider“, antwortete die Stimme, „alle Anderen waren zu beschäftigt. Deswegen bitte ich Sie jetzt um Ihre Zeugenschaft: Sind die beiden würdig einzutreten?” Slupetzky seufzte: „Uff, das ist aber eine ziemlich bedeutende Entscheidung an so einem alltäglichen Vormittag.“ „Ja, leider“, antwortete die Stimme, „bedauerlicherweise geht es uns an allen Tagen so. Was also meinen Sie?”

Slupetzky wurde traurig. „Wissen Sie“, sagte er leise, „das ist gar keine einfache Entscheidung. Mein Verhältnis zu meiner Mutter war unglaublich schwierig. Lesen Sie beispielsweise mein Gedicht zum Muttertag.” „Ja, das kenne ich”, antwortete die Stimme, „das ziehen wir hier auch in Betracht. Wenn wir Ihre Mutter hier abweisen, wird sie sich dafür in der Hölle zu verantworten haben. Soll ich sie abweisen?”

Slupetzky schwieg. Dann setzte er leise fort: „Wissen Sie, meine Mutter blieb bis zum Schluss lieblos, verbittert, verlogen und unversöhnlich. Was also erwarten Sie von mir?” „Gut, dann weise ich sie ab”, antwortete die Stimme. „Nein”, widersprach Slupetzky, „lassen Sie sie hinein. Sie konnte es nicht besser. Es war nur wenig, was sie geben konnte, aber es war nicht zu wenig. Sie hat es nicht leicht gehabt, sie konnte offensichtlich nicht anders. Ihr Leben war wahrscheinlich Hölle genug. Bitte lassen Sie sie hinein.”

„Herzlichen Dank”, hörte er die Stimme sagen, „warten Sie bitte noch einen Augenblick.” Slupetzky blickte wieder in den Himmel. Was würde jetzt noch kommen? Da meldete sich die Stimme wieder: „Slupetzky, Ihre Mutter sagt, sie geht nur mit ihrem Geliebten durch die Türe. Was meinen Sie dazu?” 

„Was soll das schon wieder”, dachte Slupetzky bei sich, „typisch Mami, trotzig und stur bis zum Schluss. Nicht umsonst wurde sie von ihrem Vater ‘Bockebein’ genannt.” „Was sagen Sie, Slupetzky?” unterbrach die Stimme seinen Gedankengang, „Ich bitte um Ihre Entscheidung: Dürfen die beiden in den Himmel?” Slupetzky fasste sich und antwortete mit ernster Stimme: „Ich bürge gerne im Zweifel für meine Mutter. Aber für ihren Freund bürge ich nicht. Lesen Sie bitte meinen Text ‘Der Missbrauch Gottes‘.” „Auch diesen Text kennen wir hier” seufzte die Stimme, „Er beschreibt Fürchterliches und unfassbar Schmerzvolles. Aber ihre Mutter weigert sich, ohne ihren Lebensgefährten hier einzutreten. Sie will ihn in den Himmel mitnehmen.”

„Nein”, antwortete Slupetzky, „so geht das nicht. Noch nicht. Ich bürge im Zweifel für meine Mutter, aber nicht für diesen Verbrecher.” „Aber Sie haben selbst für Judas und Adolf Hitler gebürgt. Wir haben hier Ihre Texte ‘Die Hilfe zum Selbstmord‘ und ‘Der Himmel über Mauthausen‘ gelesen. Wenn Sie selbst Judas und Adolf Hitler entschuldigen, warum nicht den Geliebten Ihrer Mutter?”

Slupetzky wurde ernst: „Wissen Sie, vielleicht haben Sie auch den Text ‘Gott und Hiob‘ gelesen. Wenn Satan an die Himmelstüre klopft, wird es kritisch. Das kann böse enden, vor allem für unschuldige Menschen. Wenn Sie willkürlich jeden Menschen in den Himmel einlassen, welchen Sinn hat dann Ihr Anruf? Welchen Sinn hat Ihr Job? Und welchen Sinn hat dann der Himmel überhaupt? Und Gott selbst? Es geht, wie Ignatius von Loyola es genannt hat, um die Unterscheidung der Geister. Die Notdurft gehört in die Toilette und nicht auf den Mittagstisch.”

„Dann also können wir beide nicht hereinlassen? Sie entscheiden jetzt, Slupetzky. Wir konnten jetzt am späten Vormittag niemand anderen erreichen. Dann muss Ihre Mutter in die Hölle.” „Warten Sie”, entgegnete Slupetzky ein letztes Mal, „man kann Verbrechen auch bereuen. Das wollten ja meine Texte über Judas Iskariot und Adolf Hitler ausdrücken. Wir können und dürfen Fehler machen. Aber wenn wir auf unseren Verfehlungen beharren, dann werden wir zu Frevlern. Der Geliebte meiner Mutter war ein Mann der Kirche, ein Ordensmann sogar. Wenn sich die Kirche für seine Verbrechen entschuldigt, dann können wir dieses Kapitel der Hölle auf Erden endlich in Wahrheit und Liebe abschließen. Wenn nicht, dann nicht.”

Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Slupetzky hörte die Stimme atmen und die Regentropfen auf sein Dachfenster prasseln. „Was wollen Sie?” meldete sich die Stimme nochmals. „Wissen Sie”, antwortete Slupetzky, „mich belastet diese Geschichte, seit ich ein Kind war, seit ich denken kann. Ich wünsche mir nur, dass sich irgendwer endlich dazu aufraffen kann, mich anschaut und mir sagt: „Es tut mir leid.” Mein diesbezüglicher Wunsch liegt den Kirchlichen Missbrauchsstellen vor. Ich bin gerne bereit, diese Geschichte in Frieden und versöhnlich abzuschließen. Aber Verzeihen setzt Einsicht voraus. Solange dies nicht geschieht, bürge ich nicht und kann schon gar keine guten Werke bezeugen.”

„Dann kann ich Ihre Mutter also nicht durch die Türe lassen. Dann muss sie im Fegefeuer warten.” „Ja, leider”, antwortete Slupetzky, „das muss sie. Solange sich die Kirche nicht für die Verbrechen ihres Geliebten entschuldigt, muss meine Mutter draußen warten. Das bin ich nicht nur mir selbst schuldig, sondern auch meinem Vater und meinem Freund Giovannipaolo. Fragen Sie die beiden doch auch nach ihrer Meinung.” „Ja, das werde ich”, versprach die Stimme, „Die beiden spielen gerade Schach und lernen danach Ungarisch. Denn, wie Ihr Freund Giovannipaolo gemeint hat, es dauert eine Ewigkeit, um das zu lernen. Und Ihre Mutter schicke ich mitsamt ihrem Geliebten inzwischen ins Fegefeuer.”

„Ja, leider”, seufzte Slupetzky, „hier sitze ich und kann nicht anders.” „Warten wir also auf die Entschuldigung des Stifts Klosterneuburg und die Entscheidung von Frau Klasnic”, schloss die Stimme. „Ja, hoffentlich bald”, antwortete Slupetzky. „Erhoffen Sie sich von dieser Kirche aber nicht zu viel, und schon gar keine Wunder. Die Kirche ist baufällig geworden”, hörte er die Stimme zum Abschluss traurig sagen, „Bitte helfen Sie uns beim Wiederaufbau. Aber wir werden uns vielleicht zu gedulden haben. Wir hier denken in Jahrtausenden.”

(Gen 18)

peterwurm.wordpress.com

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