„Papa, was ist die Sechste Deutsche Armee?“
Nach einer Frage meines zehnjährigen Sohnes
und einem Bild von Roman Picha
(Drittes Bild von 12)
Für meinen Sohn Jakob
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Stalingrad, 30. Januar 1943
Liebe Eltern!
Ich schreibe Euch aus einer misslichen Lage. Wir befinden uns in einer kleinen Baracke, wir können kaum heizen und meine Stiefel sind inzwischen völlig aufgelöst. Ich habe hohes Fieber, wahrscheinlich 40 Grad. Ich weiß es nicht, da es hier selbstverständlich kein Thermometer gibt. Das Lazarett ist zwei Straßen weiter untergebracht und wir haben zur Zeit keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. So habe ich mich in eine Decke gehüllt und liege seit Tagen meist in einer Ecke auf dem Boden. Ich versuche, viel zu trinken, aber das meiste Wasser ist hier schon verseucht. Wir kochen unser Wasser nur noch einmal am Tag. Wir sind hier knapp zwei Dutzend Mann, der General hat sein Kommando im hinteren Raum. Dort gibt es noch vier Funker, die unseren Kontakt zur Außenwelt aufrechterhalten.
Gerade eben haben wir erfahren, dass ihn der Führer zum Generalfeldmarschall ernannt hat. Ich bin sehr stolz, in seinem Stab dienen zu dürfen. Er darf zu Recht einer der größten Generäle der Wehrmacht genannt werden, das habe ich schon in Polen und Frankreich erleben dürfen. Alles, was er angefasst hat, ist zu einem Sieg geworden. Durch Männer wie ihn haben wir die Vorstellung des „Blitzkriegs“ in einer Weise durchgeführt, dass unser Ruhm noch in Tausend Jahren in goldenem Triumph erstrahlen wird. Ich bin stolz, an seiner Seite dienen zu dürfen. Und vielleicht weist es mir die Vorsehung zu, dereinst wie er den Ruhm unseres Heiligen Deutschen Reiches sichern und vermehren zu dürfen.
Unsere Lage hier ist inzwischen gefährlicher geworden. Der Generalfeldmarschall hat seit Wochen versucht, den Ausbruch aus dem Kessel zu befehlen, doch der Führer hat befohlen, die Stadt um jeden Preis zu halten. Der Russe ist inzwischen immer näher gekommen und hat uns innerhalb der Stadt beinahe eingekreist. So sind wir seit Wochen schon zu einem Straßenkampf um jedes Haus gezwungen, mit schlimmen Verlusten, vor allem für den Russen. Die Verluste des Russen sind weitaus größer als unsere, wir haben ihm entsetzliche Opfer zugefügt.
Vorgestern ist Fabio gefallen. Er wurde direkt vor unserer Baracke von einer Granate zerfetzt. Ich war nicht dabei, Wilhelm hat es mir kurz danach erzählt. Ich konnte in der Nacht kaum schlafen und habe für ihn gebetet. Ich versuche, den Kameraden gegenüber mir nichts anmerken zu lassen. Wilhelm ist sonst stets beim General, ich selbst bemühe mich, so gut ich kann, ihm ebenfalls zur Seite zu stehen. Der Generalfeldmarschall hat nun die schwersten Entscheidungen zu treffen. Gegenüber Russland waren Polen und Frankreich ein Spaziergang. Wir haben immer gewusst, dass der Russe zäh ist, doch nun ist die Lage beinahe aussichtslos geworden. Jetzt geht es darum, stand zu halten. Paulus denkt jedoch seit ein paar Tagen an Kapitulation, das hat er uns gegenüber heute erstmals angedeutet (Durch Zensur unkenntlich). Wir sind somit zum Durchhalten gezwungen und warten ungeduldig auf Entsatz. Wenn er kommt, dann haben wir die Möglichkeit, den Nachschub auf der Wolga nach Norden zu unterbinden und im Süden zum Kaukasus vorzustoßen. Das wäre die endgültige Niederlage Stalins. Wir könnten so die Heeresgruppe Mitte unter von Kluge entlasten und die Eroberung Moskaus noch für das Frühjahr vorbereiten. Und wenn wir die Erdölfelder des Kaukasus erobert haben, dann ist der Krieg endgültig gewonnen. Stalingrad wird gehalten und Stalingrad wird fallen.
Draußen auf der Straße liegen Hunderte Leichen, vor allem lauter tote Russen. Wir werden die Stadt halten, der Entsatz wird uns retten und wir werden dem Russen die entscheidende Niederlage zufügen. Wir brauchen nur noch vierzehn Tage Zeit. Eine kurze Weile noch, und wir stehen vor dem Endsieg. Immer wieder kommt mir vor, daß jetzt gerade die entscheidende Schlacht stattfindet. Es ist oft schrecklich, aber wir wissen, warum wir hier sind. Und mit Gottes Hilfe werden wir siegen. Heute Nacht ist mir in den Sinn gekommen, daß man unsere Schlacht hier vielleicht mit voller Berechtigung den ‘Totalen Krieg’ nennen könnte. Und ich darf mit all meinen Kräften dabei sein. Ich vertraue auf den Führer, ich vertraue auf den Generalfeldmarschall. Und ich vertraue auf Gott.
Ich bin gesund, es geht mir gut!
Heil Hitler
Euer Jakob

