“Lebenslang weggesperrt”

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Das Attentat vom Allerseelentag in der Wiener Innenstadt hat unser Land in den Grundfesten erschüttert. Die Politik beeilt sich nun, schnelle Konsequenzen aus diesem Terroranschlag zu ziehen. Sie selbst erklärten, es werde ein Straftatbestand “Politischer Islam” geschaffen und die Täter “lebenslang weggesperrt”. Dies solle im Rahmen des “Maßnahmenvollzugs” geschehen, der bisher einzig für “geistig abnorme Rechtsbrecher” vorgesehen war.

Wie viele politische Beobachter halte ich diese Situation für äußerst kritisch und für entscheidend für die Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft. Ich möchte Ihnen daher in aller Offenheit eine Geschichte erzählen:

Mein Vater ist ein sogenannter “geistig abnormer Rechtsbrecher” und lebt seit vielen Jahren im “Maßnahmenvollzug”. Sein Vergehen war, seinem Sachwalter zu schreiben: “Ich bring’ Dich um und jag’ Deine Bude in die Luft.” Daraufhin wurde mein Vater verhaftet und zum “Maßnahmenvollzug” verurteilt. Er wurde, wie Sie sagten, “lebenslang weggesperrt”.

In den Jahren seines Aufenthaltes in der forensischen Psychiatrie besuchte ich meinen Vater einmal im Monat. Ich kündigte meinen Besuch zuvor an, meldete mich an der verschlossenen Türe, die Tür ging vor mir auf und fiel hinter mir wieder ins Schloss. Ich wurde von einem Pfleger empfangen und durfte dann eine Stunde mit meinem Vater verbringen. Danach verabschiedeten wir uns wieder.

Nach einigen Jahren in der forensischen Psychiatrie wurde mein Vater in ein Seniorenwohnheim verlegt. Ich besuche ihn immer noch einmal im Monat. Ich kündige meine Besuche weiterhin vorher an und werde meist von einem Pfleger begrüßt. Die Türen sind nicht mehr verschlossen und ich darf bleiben, so lange ich will. Danach verabschieden wir uns wieder.

Kurz vor der gefährlichen Drohung meines Vaters gegen seinen Sachwalter hatte meine geschiedene Frau ebenfalls eine gefährliche Drohung ausgesprochen: “Und das ist jetzt eine gefährliche Drohung: Ich werde jetzt alles tun, um Dich zu vernichten,” hatte sie mir nach unserer Scheidung auf die Mobilbox gesprochen. Sie wurde nicht “lebenslang weggesperrt”.

Lieber Sebastian Kurz, wenn Sie nun den Straftatbestand “Politischer Islam” einführen wollen, dann befällt mich ein mulmiges Gefühl. Meine Sorge gilt nicht so sehr dem “Maßnahmenvollzug”. Meine Sorge gilt der politischen Willkür, die damit einhergeht. Wenn bereits jetzt der Unterschied zwischen “umbringen” und “vernichten” über das “lebenslange Wegsperren” entscheidet, wie wird das wohl in Zukunft aussehen?

“Allahu Akbar” wird verurteilt, während “Großer Gott, wir loben Dich” frei geht? Die Anhänger Mohammeds werden weggesperrt, während die Jünger Jesu die Freiheit genießen? Der Glaube an das “Paradies” ist ab sofort geisteskrank, während der Glaube an die “Auferstehung” weiterhin normal ist? Ayatollah Khamenei kommt in den “Maßnahmenvollzug”, während Papst Franziskus unbehelligt im Vatikan leben darf?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin getaufter Christ, Römischer Katholik noch dazu, und ich halte die Beschneidung von Kindern für ein Gewaltverbrechen. Aber den Islam einer solchen Sonderbehandlung zu unterziehen, macht die Katastrophe der letzten viertausend Jahre nur komplett. So wird das nichts mit der Versöhnung der Abrahamitischen Religionen. Gleiches Recht für alle, das ist unser höchstes Gut.

IUSTITIA REGNORUM FUNDAMENTUM.

und

Deus Caritas Est.

Siamo Fratelli Tutti…

Liebe Grüße

Peter Wurm

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