Die Angst vor dem Innenminister

Slupetzky saß an seiner alten Schreibmaschine und blickte durch sein Dachfenster in den blauen Frühlingshimmel. Er dachte an sein kleines Land, hier im Zentrum seines kleinen Kontinents in der Mitte seines kleinen Planeten.

Sein Land war in der letzten Zeit nach “rechts” gerückt, wie man in der Politik dazu sagte. Das bedeutete, dass seine Bewohner sich wieder mehr nach Sicherheit sehnten und bereit waren, dafür ein Stück ihrer Freiheit aufzugeben. Es bedeutete daher, dass die “fortschrittlichen” Kräfte in der Gesellschaft, die sogenannten “Linken” geschwächt wurden und die “bewahrenden” Kräfte, die sogenannten “Rechten” vermehrt Zustrom erhielten.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stand daher der Innenminister seines Landes, der als Chef der Polizei für die Sicherheit des Landes letztverantwortlich war. Dieser Innenminister, ein kleiner, dünner Mann mit stets ernstem, grimmigem Blick “polarisierte”, wie man es nannte. Viele mochten und verehrten ihn, viele lehnten ihn ab und empörten sich über ihn.

Slupetzky hatte schon oft über den Innenminister nachgedacht. Dieser Innenminister war ein Mann in mittlerem Alter, der aus der südlichsten Provinz seines Landes kam, einer Gegend, die sich selbst immer wieder auch als “Grenzland” bezeichnete. Er war schon seit vielen Jahren in der Politik und bisher vor allem dadurch aufgefallen, dass er sich in bissigem Spott über seine vermeintlichen Gegner lustig machte. Doch obwohl er schon so lange in der Öffentlichkeit stand, hatte man ihn noch nie befreit lachen gesehen.

Slupetzky wurde nachdenklich. Warum sah man den Innenminister und Chef der Polizei niemals lachen? Stattdessen wirkte er immer grimmig, verbissen und ernst. Wovor hatte er Angst?

Slupetzky erinnerte sich, wie er als kleines Kindergartenkind mit seinen Cousins einmal “Politik” gespielt hatte. An einem Sonntag waren sie nach dem gemeinsamen Familienmittagessen im Haus seiner Eltern in den nahegelegenen Park gegangen. In diesem Park stand gegenüber der Sandkiste, gleich neben der Kinderschaukel ein Denkmal. Weder er noch seine Cousins wussten genau, wofür dieses Denkmal stand, wahrscheinlich für ein wichtiges Ereignis in der Geschichte seines Landes.

An jenem Sonntag beschlossen seine Cousins und er, nicht in der Sandkiste zu spielen oder zu schaukeln, sondern “Politik” zu spielen und an diesem Denkmal wichtige Reden zu halten. Schließlich wussten sie aus dem Fernsehen, wie man “Politik” macht und wichtige Reden hält. Die “Politik” und die wichtigen Reden waren immer sehr ernst. Sie aber wollten “lustige Politik” machen und “lustige Reden” halten. Und so hielten sie an jenem Sonntag im Park so lange “lustige Reden”, bis er sich am Schluss vor lauter Lachen in die Hose machte.

Slupetzky wurde traurig. Vielleicht hatte der Innenminister auch einmal als Kindergartenkind im Park mit seinen Cousins “lustige Politik” gemacht und “lustige Reden” gehalten und sich am Schluss vor lauter Lachen in die Hose gemacht. Und vielleicht hatte er jetzt Angst davor.

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