Der Hund des Bundespräsidenten

Der Hund des Bundespräsidenten oder „Das Kickl-Problem“:

Stellen wir uns einmal vor, Anton Pawlowitsch, der österreichische Bundespräsident hätte einen Hund. Dieser Hund wäre ein ganz normaler Hund, kein besonders großer Hund, egal welche Rasse. Nun wissen wir als aufmerksame Bürger, dass der österreichische Bundespräsident als unser Staatsoberhaupt zwar in der kaiserlichen Hofburg amtiert, aber als normaler Staatsbürger in seiner eigenen bürgerlichen Wohnung wohnt.

Wenn nun der österreichische Bundespräsident mit seiner Frau und seinem Hund in der gemeinsamen Wohnung lebt, dann wird der österreichische Bundespräsident doch nach dem Frühstück mit dem Hund auch manchmal hinunter auf die Straße und spazieren gehen, um seinen Hund „äußerln“ zu führen, wie wir in Wien liebevoll dazu sagen, wenn man seinen Hund dazu anhält, sein „Geschäft“ zu verrichten. Um es also umgangssprachlich zu benennen, wird der Hund irgendwann während des Spaziergangs auch einmal „gacken“ müssen, was ja, wenn schon nicht der Sinn, so doch der Zweck des morgendlichen Spaziergangs eines Hundes ist – zumindest desjenigen Hundes, der als Haustier in der Stadt wohnt.

Jetzt wissen wir natürlich auch, dass der österreichische Bundespräsident ein genussvoller Zigarettenraucher ist. Wenn der österreichische Bundespräsident also mit seinem Hund die Straße erreicht hat und den Spaziergang beginnt, dann wird er sich, wie wir in Wien liebevoll dazu sagen, „eine anheizen“, also eine Zigarette anzünden.

Wenn also der österreichische Bundespräsident mit seinem Hund an der Leine und seiner Zigarette spazierengeht, dann hat er in aller Gemütlichkeit „alle Hände voll zu tun“, das heißt, die Zigarette in der einen und die Hundeleine in der anderen Hand. Dies muss so sein, denn in Wien herrscht Leinenpflicht, nicht nur für den Hund des Bundespräsidenten, sondern für jeden Hund. Der österreichische Bundespräsident ist zwar von Amts wegen nur darauf vereidigt, die Gesetze der Republik „getreulich zu beobachten“, als einfacher Bürger jedoch hat er sie auch zu befolgen, um nicht, wenn schon nicht bestraft, so doch, um nicht „abgemahnt“ zu werden, wie es in Österreich heißt. Und als Staatsoberhaupt von einem seiner Untertanen „abgemahnt“ zu werden, ist schier unmöglich.

Zurück zum Hund. Wenn also der Hund des österreichischen Bundespräsidenten in der Früh an der Leine spazieren geführt wird, dann kommt irgendwann der Moment, in dem der Hund den oben angedeuteten Zweck dieses Spaziergangs zu erfüllen gezwungen ist, das heißt, dass er „gackt“. Der Hund des Bundespräsidenten ist ja ein ganz normaler Hund, mit ganz normalen Gefühlen und ganz normalen Bedürfnissen. Der Hund des Bundespräsidenten muss also „scheißen“.

Jetzt ist es in Wien so, dass der Halter des Hundes des Bundespräsidenten, wie jeder andere Hundehalter auch, nicht nur verpflichtet ist, den Hund an der Leine zu führen, sondern auch, wie soll ich es nennen, also dass er…, also wie soll man sagen…, also:

„Nimm’ ein Sackerl für mein Gackerl!“

„Nimm’ ein Sackerl für mein Gackerl!“ ist jene Vorschrift, die jeder Hundehalter in Wien einzuhalten verpflichtet ist, wenn sein Hund „gackt“. Seit der sogenannten „Wiener Hundstrümmerlkommission“ unter dem Vor-Vorgänger unseres jetzigen Wiener Bürgermeisters ist jeder Wiener und jede Wienerin, jeder Inländer und jede Inländerin, jeder Ausländer und jede Ausländerin in Wien verpflichtet, „ein Sackerl für mein Gackerl“ zu nehmen.

Was heißt das?

„Sackerl“ heißt auf Deutsch „Tüte“ und bedeutet „kleiner Sack“. „Gackerl“ heißt auf Deutsch „Scheiße“ und bedeutet „kleine Gacke“. Jeder Wiener ist also bei sonstiger Strafe verpflichtet, die Scheiße seines Hundes einzutüten oder, um es beschaulicher auszudrücken, die kleine Gacke seines Hundes in einen kleinen Sack zu verfrachten. Wir Wienerinnen und Wiener sagen zur kleinen Gacke der Hündinnen und Hunde liebevoll „Hundstrümmerl“, das bedeutet „kleines Trumm vom Hund“, wobei „Trumm“ definitionsgemäß etwas sehr Großes ist, demgemäß „Trümmerl“ etwas eher Kleines, im Gegensatz zum „Mordstrumm“, was im Wienerischen etwas Riesiges bezeichnet. Daher ist vor gut zwei Jahrzehnten die sogenannte „Wiener Hundstrümmerlkommission“ vom damaligen Wiener Bürgermeister eingesetzt worden. Diese „Hundstrümmerlkommission“ hatte also den Zweck (und Sinn!), das Problem der Wiener Hundescheiße zu lösen.

Als wäre das nicht schon Problem genug, kommt die wahre Schwierigkeit jetzt erst auf den österreichischen Bundespräsidenten zu. In der linken Hand hält er die Zigarette und in der rechten den Hund. Oder er hält umgekehrt in der linken Hand den Hund und in der rechten die Zigarette. Wie immer man es auch dreht und wendet, er hat keine Hand für das Sackerl frei!

Was sollte der österreichische Bundespräsident nun tun? Der österreichische Bundespräsident weiß selbstverständlich, dass sein „Tschickstummel“ ebenfalls bereits in der „Hundstrümmerlkommission“ geregelt wurde. (Für unsere deutschsprachigen Gäste sei angemerkt, dass wir Wiener und Wienerinnen unsere Zigaretten liebevoll „Tschick“ nennen, und deren am wenigsten genießbaren Rest „Stummel“. Ein „Tschickstummel“ wird daher jenseits unseres Hoheitsgebiets meist mit „Zigarettenkippe“ übersetzt.)

Was also macht der österreichische Bundespräsident? Dämpft er seine Zigarette aus? Doch wohin mit dem Tschickstummel? Das Wegwerfen des Tschickstummels ist als Folge der „Hundstrümmerlkommission“ ebenfalls bei Strafe verboten – genauso wie das Liegenlassen des Hundstrümmerls. Der österreichische Bundespräsident scheint in einer schwierigen, gar ausweglosen Situation zu sein. Der österreichische Bundespräsident darf gemäß der geltenden Bestimmungen weder die Zigarette loswerden noch den Hund samt seinem Geschäft.

Oder, um es mit den Worten des österreichischen Innenministers auszudrücken: „Da brennt das Haus, dort liegt der Schlauch, und dazwischen gibt es irgendwelche seltsamen rechtlichen Konstruktionen, teilweise viele, viele Jahre alt – und die hindern uns daran, das zu tun, was notwendig ist.“

Was sollte der österreichische Bundespräsident nun tun? Sollte er seine Leibwächter rufen? Was aber sollte er ihnen sagen? Sollte er ihnen befehlen, den Hund zu halten? Oder sollte er sie bitten, den „Tschick“ fertigzurauchen?

Was also macht der österreichische Bundespräsident? Stolpert er über die Leine? „Stolpert er über die eigenen Gesetze und wird handlungsunfähig“, wie Innenminister Kickl meint?

Wissen Sie, Anton Pawlowitsch, ich bin in Sorge. („Mit brennender Sorge“ hat es Papst Pius dereinst genannt.) Wird sich der österreichische Bundespräsident an die Vorgaben der „Wiener Hundstrümmerlkommission“ halten können?

Wünschen wir ihm das Beste. Oder, wie man in China sagt: „Möge die Übung gelingen!“

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„Das Recht hat der Politik zu folgen UND die Politik dem Recht.“

In Dankbarkeit für Helmut Zilk, die Europäische Menschenrechtskonvention und die 48er.

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